Vorfahrt für „grünen“ Wasserstoff aus Windenergie

Die Bundesregierung sollte entschlossen auf „grünen“ Wasserstoff setzen und dafür die Windenergie und andere Erneuerbare schneller ausbauen. Ein zu großer Anteil an Importen und zu wenig Erneuerbare verteuern das zukünftige Energiesystem. 

Die Bundesregierung sollte konsequent auf klimafreundlichen „grünen“ Wasserstoff setzen und erst langfristig über eine ergänzende Importstrategie nachdenken. So könnte die Bundesregierung Klimaschutz mit Jobs und Wertschöpfung verbinden. Das Bundeswirtschaftsministerium hingegen setzt ohne Not auf fossilen Wasserstoff und im großen Stil auf Wasserstoff-Importe, ohne einen eigenen Erzeugungsmarkt zu planen. Eine aktuelle Studie des Think Tanks Agora Energiewende macht deutlich: Um 2030 einen Ökostrom-Anteil von 65% kostengünstig zu erreichen, muss die Bundesregierung in diesem Zeitraum 25 bis 28 Gigawatt Offshore-Wind erreichen und den Zubau der Windenergie an Land deutlich beschleunigen. 

Mit ihrer Wasserstoff-Strategie und der anstehenden Bund-Länder-Vereinbarung zum Ausbau der Erneuerbaren Energien wird die Bundesregierung in den nächsten Wochen wichtige industrie- und klimapolitische Weichen stellen. Der Vorschlag des Bundeswirtschaftsministeriums, im Jahr 2030 nur zu 20 Prozent auf „CO2-freien“ Wasserstoff zu setzen, was auch konventionell aus Erdgas hergestellten und mit Carbon-Capture-and-Storage (CCS) gekoppelten Wasserstoff einschließt, ist aus zwei Gründen problematisch: Zum einen ist der geringe Anteil an „CO2-freiem“ Wasserstoff ein großes Problem für das Klima. Zum anderen geht ohne einen eigenen Erzeugungsmarkt das Zukunftsthema „grüner“ Wasserstoff weitgehend an Deutschland vorbei. „Ohne einen eigenen Erzeugungsmarkt für ,grünen‘ Wasserstoff werden es auch die industrielle Produktion von Komponenten und der Bereich F&E für diese Technologie sehr schwer haben“, sagt WAB e.V.-Geschäftsführerin Heike Winkler. WAB-Mitglieder bieten schon jetzt viele Lösungen für einen schnellen und nachhaltigen Markthochlauf von „grünem“ Wasserstoff. WAB e.V. kooperiert seit letztem Jahr mit dem Bremerhavener Wasserstoffverein H2BX e.V. 

Für diesen Markthochlauf muss die Bundesregierung einen deutlich stärkeren Ausbau der Windenergie und der anderen Erneuerbaren einplanen. Der derzeitige Ausbau der Erneuerbaren reicht nicht einmal für die Klimaziele im Jahr 2030, geschweige denn für die zusätzliche Produktion von grünem Wasserstoff. On- und Offshore Wind sind laut „Bloomberg New Energy Finance“ in Nordeuropa bereits die günstigsten Energieerzeugungsarten.  „Wir setzen uns für eine ambitionierte Erzeugung von ‚grünem‘ Wasserstoff in Deutschland ein. Dafür muss die Bundesregierung die regulatorischen Hemmnisse für die ,grüne‘ Wasserstoffproduktion beseitigen. Gleichzeitig müssen Bund und Länder für ausreichend Flächen für den Bau von Windrädern an Land und für schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren sorgen und ihre Ausbauziele für die Offshore-Windenergie deutlich nach oben korrigieren“, sagt WAB e.V.-Geschäftsführerin Heike Winkler. 

Die Studie von Agora Energiewende zeigt: Um die Klimaziele für 2030 zu erreichen, muss das Ziel für Offshore-Wind in der deutschen Nord- und Ostsee gegenüber den bisherigen Planungen von maximal 20 auf 25 bis 28 Gigawatt Leistung angehoben werden. Gleichzeitig muss entweder der jährliche Solarzubau auf 10 Gigawatt mehr als verdoppelt werden oder aber der Ausbau der Windenergie an Land wieder auf sein langjähriges Niveau von 4 Gigawatt ansteigen. Falls all dies nicht gelingt, wird Strom teurer. „Die WAB fordert einen langfristig verlässlichen Ausbaupfad von mindestens 35 Gigawatt installierter Offshore-Windleistung bis 2035 und mindestens 50 Gigawatt bis 2050“, sagt Irina Lucke, Vorsitzende des WAB e.V. Dass das Potenzial in Nord- und Ostsee dafür vorhanden ist, hat eine 2017 veröffentlichte Fraunhofer-Studie gezeigt – die es auf bis zu 57 Gigawatt taxiert. 

„Ein ambitionierter und verlässlicher Ausbaupfad für Offshore-Wind sorgt für einen stabilen Heimatmarkt, den Unternehmen hierzulande benötigen, um zunächst aufgebaute Fertigungskapazitäten auszulasten, ihr Exportpotenzial zu erschließen und langfristig weitere Arbeitsplätze zu schaffen“, erläutert WAB-Geschäftsführerin Winkler. Das gilt auch für die „grüne“ Wasserstoffwirtschaft. „Es geht um Planungssicherheit! Die Stromerzeugung aus Erneuerbaren muss jetzt beschleunigt und erste ‚grüne‘ Wasserstoff-Projekte ermöglicht werden“, fügt sie hinzu. Hierfür spielt auch die Windenergie an Land eine zentrale Rolle. Für deren Ausbau können Bund und Länder die Akzeptanz mit Hilfe von Beteiligungsmöglichkeiten und transparenten Verfahren steigern – und nicht mit Abstandsregeln, die den Ausbau der Windkraft an Land weiter ausbremsen. 

Zudem geht es darum, so schnell wie möglich neue Offshore-Windprojekte auszuschreiben, um den bereits eingetretenen „Fadenriss“ abzumildern und bedrohte Arbeitsplätze zu sichern. Für die Offshore-Wind-Zulieferkette ist es eine große Belastung, wenn in den frühen 20er-Jahren in Deutschland fast kein Zubau stattfindet – und Aufträge für den deutschen Markt erst wieder zum Ende des Jahrzehnts zu erwarten sind.

Für den langfristigen Ausbau der Offshore-Windkraft kann sich die Bundesregierung am „European Green Deal“ orientieren, der bis zu 450 Gigawatt bis 2050 vorsieht. In der hierfür notwendigen Größenordnung plant bisher lediglich die britische Regierung, die bereits jetzt die Weichen für einen Ausbau der Offshore-Windkraft auf bis zu 75 Gigawatt im Jahr 2050 stellt. „Nur mit einer ähnlich ambitionierten Planung könnte auch die Bundesregierung den Übergang in ein klimaneutrales Energie- und Wirtschaftssystem schaffen. Langfristige Planung ermöglicht es, volkswirtschaftliche Potenziale auszuschöpfen, Arbeitsplätze auszubauen und zu sichern“, sagt Heike Winkler. 

Deutschland sollte als Exportland auch frühzeitig in eine internationale Wasserstoffinfrastruktur investieren und nachhaltige Wasserstoffversorgungsrouten sichern. Ein hoher Importanteil macht jedoch den Wasserstoff zum Kostentreiber für das Energiesystem.

Quelle: wab.net