Oldenburg. Nach vier Jahren intensiver Arbeit am Energiesystem der Zukunft hat EWE seine Ergebnisse aus dem Projekt enera vorgelegt: Entstanden sind wichtige Bausteine für eine digitale, transparente und intelligent vernetzte Energieversorgung auf regenerativer Basis, die unter praxisnahen Bedingungen in der nordwestdeutschen Modellregion erprobt wurden. Hierfür hat das von EWE initiierte Projekt gemeinsam mit einem Konsortium aus insgesamt 32 Partnern sowie weiteren regionalen Akteuren Ansätze aus den Bereichen Netz, Markt und Daten zu einem systemischen Lösungsansatz verknüpft. Zur Verfügung stand ein Gesamtbudget von insgesamt 170 Millionen Euro. Als eines von fünf Projekten des „Schaufensters intelligente Energie – Digitale Agenda für die Energiewende“ (SINTEG) wurde enera vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi) gefördert.

Stefan Dohler, Vorstandsvorsitzender der EWE AG
„EWE hat das Projekt enera seinerzeit gestartet, um den nächsten großen Schritt der Energiewende zu entwickeln. Dieser Schritt ist mit viel Herzblut, Einsatz und in Kooperation mit zahlreichen Akteuren eindrucksvoll gelungen und besteht aus dem Zusammenspiel von intelligenten Netzen, der umfassenden Flexibilisierung von Energieanlagen in der Modellregion und der Etablierung einer digitalen Wertschöpfungskette der Energieversorgung. Netzbetreiber können heute dank enera auf ein größeres smartes Instrumentarium zugreifen, um mehr Erneuerbare Energie zu integrieren. Die in unserem Projekt demonstrierte umfassende Digitalisierung legte den Grundstein für neue, datenbasierte Geschäftsmodelle. Und wenn Wind und Sonne für zu viel Strom im Netz sorgen, ließen sich Engpässe über den von enera entwickelten börsenbasierten Markt auflösen. Für EWE selbst bedeutet enera aber auch, in kurzer Zeit sehr viel gelernt, neue Berufsbilder integriert und den Wandel hin zu einem digitalisierten Unternehmen auf dem Weg in die Klimaneutralität vorangebracht zu haben.“

Dr. Urban Keussen, Vorstand Technik der EWE AG
„Die Digitalisierung der Energiewende erfordert Geschwindigkeit, Veränderungsbereitschaft und Kundenzentrierung. Energieversorger müssen sich daher neu erfinden, neue Wege gehen und Schrittmacher beim Wandel der Energiebranche sein. Die Herausforderung dabei bleibt es, die stetig wachsende Energiemenge aus regenerativen Quellen effizient in das System zu integrieren und dabei die Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit zu gewährleisten. EWE ist aktuell mit 95 Prozent regenerativen Energien im Netz und der extrem hohe Versorgungssicherheit europäischer Spitzenreiter. Mit dem Innovationsschub von enera nimmt EWE auf seinem Weg zum digitalen Energieunternehmen weiter Fahrt auf. Daten sind ein wichtiger Produktionsfaktor, den wir unter anderem in datengetriebenen Geschäftsmodellen gezielt nutzen, um unsere Rolle als digitaler Innovationsführer voranzutreiben.“

Ulf Brommelmeier, Projektleiter enera
„Die intelligente und automatisierte Netzführung zählte im Projekt zu den wichtigsten Bausteinen, löst das Problem aber nicht allein. Deshalb mussten wir uns genauso um Flexibilisierung und Digitalisierung kümmern. Wir wollten alle Akteure aktivieren, die das Energiesystem stabilisieren können. Denn es wurde im Laufe des Projekts immer deutlicher, dass enera nicht ‚nur‘ ein Energiewende-Projekt ist, sondern auch den Beginn einer neuen Art der Zusammenarbeit im Energiesektor darstellt: Sharing Economy – die Bereitschaft, Kooperationen für ein gemeinsames und langfristiges Ziel einzugehen. Ich bin mir sicher, dass der Erfolg der Energiewende neben den technologischen Komponenten auch stark von der Haltung aller Beteiligten abhängt. Und mit enera haben wir gezeigt, wie es funktionieren kann.“

Flexibilität vor Ort organisieren: Wie Netz, Markt und Daten zusammenspielen
Gemeinsam mit der europäischen Strombörse EPEX SPOT konnte EWE im Rahmen von enera eine Plattform für den Handel mit Stromflexibilitäten gestalten und testen. In der Modellregion wurde somit ein Mechanismus geschaffen, der Netz und Markt verknüpft. Es geht darum, vor Ort Abnehmer für überschüssigen Strom zu finden, statt Erzeugungsanlagen wie zum Beispiel Windenergieanlagen abzuschalten. Über die Handelsplattform können Marktteilnehmer vereinbaren, dass Anlagen entsprechend der aktuellen Netzsituation betrieben werden – ob es nun Windenergieanlagen, Speicher oder flexibel steuerbare Industrieanlagen sind, die überschüssigen Strom verbrauchen können. Regionale Flexibilität bekommt einen Preis – und so können alle profitieren, letztlich auch das Klima.

Von hier aus weiter: Start-ups made by EWE
Gezeigt werden konnte zudem, wie die klassische Wertschöpfungskette der Energiewende digitalisiert werden kann. Die im enera-Projekt etablierten Methoden aus dem Bereich Data Science wie „Machine Learning“ hat EWE weiter entwickelt und genutzt, um neue digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln und diese zusammen mit verschiedenen Start-ups umgesetzt. Die gewonnenen Erfahrungen werden nun eingesetzt, um weitere neue Lösungen zu entwickeln. Bei EWE ist eine Digital Factory entstanden, in der digitale und nutzerzentrierte Produkte für den internen und externen Markt entwickelt werden – beispielsweise die Produkte von Gridlux , photono oder LiMBO.

Mehr Transparenz im Netz
Bislang gibt es nur wenige Punkte im Niederspannungsnetz, an denen der aktuelle Zustand für die Netzbetreiber sichtbar wird. Um die Transparenz zu erhöhen, wurden in der Modellregion 92 Ortsnetzstationen ertüchtigt. Die Messdaten werden an die Leitstelle gesendet und sind eine Voraussetzung für eine intelligente Steuerung im Netz.

Gekappte Spitzen, schlankes Netz
Verteilnetze sind nicht mehr „bis zur letzten Kilowattstunde“ auszulegen. Der Netzbetreiber darf den Ausbau so planen, dass bis zu drei Prozent der möglichen Energiemenge abgeregelt werden. Mit dieser Spitzenkappung lassen sich deutlich mehr erneuerbare Erzeuger anschließen, ohne das Stromnetz auszubauen. In enera wurde dieser Ansatz in neun Netzgebieten erstmals in der Praxis erprobt.

Netzregler entlasten Leitstellen
Wetterbedingte Netzengpässe durch regenerative Stromerzeugung treten oft zeitgleich an mehreren
Stellen auf. Beim Einsatz der Spitzenkappung werden solche Engpässe vermehrt auftreten. Um die Leitstellen nicht zusätzlich zu belasten, wurde die Engpassauflösung mit Netzreglern automatisiert. Erzeuger lassen sich so gezielter und ohne Verzögerungen ansteuern. Dadurch wird
weniger Strom aus regenerativen Quellen abgeregelt. Die innovative Technik wurde im Netzlabor
der Jade Hochschule getestet, ehe sie erstmals in einem ersten Feldtest im öffentlichen Versorgungsnetz zum Einsatz kam.

Stufenlos steuerbare Windparks
Das enera-Projekt hat mit einem Demonstrationsprojekt genau aufgezeigt, wie mehr Erneuerbare Energie genutzt werden kann. Bei einer drohenden Überlastung des Netzes ließ sich die Einspeisung durch Windkraftanlagen bislang nur um 30, 60 oder 100 Prozent reduzieren. Um eine stufenlose Anpassung zu ermöglichen, wurden zehn Windparks in drei Umspannwerksbereichen der Modellregion mit moderner Steuer- und Messtechnik ausgestattet. Die Netzleitstelle konnte die Anlagen mit einer Gesamtleistung von 85 MW genau nach Bedarf abregeln.

Selbstregelnd stabilRegelbare Ortsnetztransformatoren (rONT) können die Spannung im Netz selbständig steuern, so dass sich etwa Photovoltaikanlagen oder Wärmepumpen besser in bestehende Netze integrieren lassen. Bislang kamen diese regelbaren Trafos nur punktuell zum Einsatz. In enera wurde ein kompletter Umspannwerksbereich damit ausgerüstet. Damit ließ sich der Einfluss vieler regelbarer Transformatoren auf die Netzstabilität untersuchen.

Verbrauchsmessung in mehr als 700 Haushalten und 13 Kommunen
Um den Stromverbrauch von Haushalten und Kommunen sekundengenau zu erfassen, wurden mehr als 700 elektronische Zähler und darauf aufsetzende smarte Auslese- und Kommunikationsmodule (SAM) installiert. Im Feldtest demonstrierte enera mit den Geräten – das erste wurde in Varel installiert – die Vorteile der Verbrauchsmessung in Echtzeit: Über eine eigens im Projekt entwickelte App konnten die Feldtestteilnehmer ihren Stromverbrauch in Echtzeit verfolgen und so z.B. Stromfresser im eigenen Haus identifizieren. Auch dreizehn Kommunen der Modellregion beteiligten sich an enera und testeten im Projekt ein Verbrauchsmonitoring für kommunale Liegenschaften. So wurden etwa in Schulen oder Verwaltungsgebäuden Stromverbräuche in Echtzeit erfasst und über eine Webanwendung ausgewertet. Das hilft Verwaltungen, den Energieverbrauch zu senken. Die Gemeinde Zetel erhielt als erste den Titel einer Energiewende-Kommune.


Mehr über die Ergebnisse und das Projekt selbst unter: www.projekt-enera.de