"Wir haben viel Potenzial in Deutschland, wenn die Energiewende umgesetzt werden soll"

Der Wald-Windpark "Fasanerie" liegt im Landkreis Hof auf dem Gebiet der Gemeinden Gattendorf und Regnitzlosau. Schon eine der insgesamt fünf Anlagen des Typs Enercon E82 reicht aus, um den Strombedarf aller Haushalte in beiden Ortschaften abzudecken.

Interview mit Dieter Fries, Vorsitzender des Betreiberbeirats im Bundesverband der Windenergie e.V., über die aktuelle Anlagentechnik für Standorte im Binnenland.

0Herr Fries, die Standorte für Windenergie im Binnenland gewinnen zunehmend an Bedeutung. Wie weit hat sich die Anlagentechnik dieser Entwicklung angepasst?

Dieter Fries: Sie hat sich eigentlich schon seit geraumer Zeit dahin entwickelt, dass im Binnenland bessere Erträge generiert werden. Die aktuellen Anlagen arbeiten bei gleichbleibender Generatorleistung mit größeren Rotorflächen und sind weit höher als vorangegangene Generationen. Sie erzielen dadurch eine höhere Leistungsausbeute, denn diese hängt letztlich von der Nabenhöhe und der Rotorfläche ab, die die Anlage in den Wind bringt.

In den letzten Jahren hat sich dieser Trend verstärkt, da die wichtigen Märkte in Europa oder den USA stärker zu einer Nutzung auch der windschwächeren Standorte tendieren, die in der Windklasse IEC 2 oder 3 liegen. Das sind eben die Windstandorte im Binnenland, im Wald oder in der Nähe der großen Versorgungszentren. Die Entwicklung in der Anlagentechnik ist mittlerweile aber auch im Offshore-Bereich zu beobachten, auch hier sind die Rotorflächen stark gewachsen.

Welche Kriterien müssen Binnen-Windenergieanlagen erfüllen und worauf sollte man bei der Planung und Auswahl der Anlage achten?

Es kommt natürlich vor allem darauf an, dass die Anlage wirtschaftlich arbeitet, dass sie also am entsprechenden Standort zu einem möglichst niedrigen Preis pro Kilowattstunde produziert. Dazu gehören zum Beispiel auch die Kosten für den Netzanschluss. Da die Anschluss-kosten bislang pro Kilowatt installierter Leistung berechnet werden, sind hier Anlagen mit geringerer spezifischer Leis­tung klar im Vorteil, obwohl sie aufgrund größerer Nabenhöhen und Rotordurchmesser nicht weniger Strom produzieren.

Wie hängt das zusammen?

Die aktuellen Binnen-Windenergieanlagen erreichen eine höhere Leistungsdauerlinie, also mehr Stunden im Jahr, in de­nen Energie auf einem etwas niedrigeren, aber dafür konstanteren Niveau produ­ziert wird. Das heißt auch, dass weniger Netzkapazität benötigt wird, um dieselbe Menge Strom zu transportieren.

Je mehr Anlagen mit geringerer spezifischer Leistung aufgestellt werden und je dezentraler dies geschieht, desto geringer ist also die Netzbelastung?

Das kann man uneingeschränkt so sagen, ja. Aktuelle Binnen-Windenergieanlagen haben eine Leistung von etwa 200 Watt pro m2 Rotorfläche. Vor einigen Jahren lag diese noch weit höher, etwa bei 300 – 400 Watt  pro m2. Und das wirkt sich erheblich auf die Netzbelastung aus. Der Trend hin zu geringerer Generatorleistung bei besserer Auslastung ist übrigens auch ein Punkt, der meiner Ansicht nach in den Netzausbauplanungen zu wenig berücksichtigt wird.

Ist an dieser Stelle noch viel Optimierungsbedarf Seitens der Hersteller vorhanden?

Optimierungsbedarf sehe ich insbesondere bei den Kosten, zum Beispiel für den Turm: Bei den derzeitigen Nabenhöhen von 120 Metern entfallen rund 30 Prozent des Gesamtpreises einer Anlage auf den Turm. Ein anderes Thema ist auch die spätere Demontage der Anlage, die über die Rückbaubürgschaften gut 5 / fünf / BITTE ÄNDERN Prozent des Anlagenpreises ausmacht. Eine bessere Berücksichtigung der Demontage im Anlagenkonzept wäre hier sicher von Vorteil. Neben dem Turm sind die Rotorblätter und nicht zuletzt das Montagekonzept große Kostenfaktoren einer Anlage. Auch hier ist meiner Meinung nach noch viel Potenzial vorhanden, die Kosten zu reduzieren.

Sind die Kosten für Wartung und Service im Binnenland anders als an den Küstenstandorten?

Der Wartungsaufwand kann im Binnenland schon etwas höher liegen, weil ein gewisser Mindestaufwand auch unabhängig von der tatsächlichen Energieproduktion anfällt. Produziert eine Anlage also insgesamt weniger Strom, steigt der Wartungsaufwand pro Kilowattstunde. Das heißt, sie muss an weniger windhöffigen Standorten entsprechend konzipiert sein, um nicht in die Kostenfalle zu laufen.

Wie schätzen sie das Marktpotenzial für Binnen-Windenergieanlagen in nächster Zukunft ein?

Wir haben viel Potenzial in Deutschland, wenn die Energiewende umgesetzt werden soll. Im internationalen Vergleich ist Deutschland zwar ein wichtiger Leit­markt, aber auch ein eher kleiner Markt. Für die Hersteller ist natürlich die welt­weite Entwicklung interessanter. Auch hier sehen wir eine gesteigerte Nachfrage nach Anlagen für windschwächere Stand­orte. Einige Hersteller konzentrieren sich inzwischen konsequent auf die Standorte mit weniger Windaufkommen. Sie haben dabei den weltweiten Markt im Visier, Deutschland ist vor diesem Hintergrund eher als Testmarkt zu betrachten.

Gesprächspartner

Dieter Fries (Jg. 1945) ist als Schiffbauingenieur ausgebildet und hat von 1989 bis 1999 die deutsche Vertretung für den dänischen Windkraftanlagenhersteller Micon aufgebaut. Seit 1999 ist er Mitglied im Betreiberbeirat des Bundesverband Wind-Energie und seit 2006 dessen Vorsitzender. Herr Fries ist als unabhängiger Berater für internationale Windprojekte tätig.