Wie geht es den Betreibern mit Corona?

Walter Delabar: Die Betreiber sind eigentlich grundsätzlich privilegiert, weil derzeit die Netzbetreiber und Direktvermarkter funktionieren. Dadurch, dass die Windparks Vergütungen erhalten, erhalten Betriebsführer auch ihre Einnahmen und damit bekommen auch die jeweiligen Unternehmen, die in den Windparks oder für die Windparks arbeiten, ihr Geld. Was den Betrieb von Windparks angeht, gibt es erstmal kein Problem.

Also alles gut?

Walter Delabar: Es gibt tatsächlich einen Punkt, wo es problematisch werden könnte: Das ist der Verfall der Strompreise, der jetzt, im Zusammenhang mit der Coronakrise, zu beobachten ist (vgl. dazu den Beitrag Herausforderung niedrige Strompreise unten). Es gab mehrfach Berichte darüber, dass im Laufe des Jahres die Strompreise weiter unterhalb von drei ct/kWh bleiben könnten. Aufgrund der ausfallenden Produktion und des ausfallenden Bedarfs werden etwa Verbraucher, die feste Kontingente bestellt haben, den Teil der Kontingente, den sie nicht in Anspruch nehmen können, auf den Markt werfen, um dafür noch einen Preis zu erzielen. Für die Mengen wollen sie dann vielleicht noch ein, zwei Cent haben, weil dann der Verlust wenigstens eingegrenzt ist. Das führt aber dazu, dass wir eine Überproduktionskrise haben, sodass die Strompreise niedrig bleiben. Das heißt aber: Altwindparks, die aus dem EEG fallen und hoffen, über die Direktvermarktung ihr Geld nächstes Jahr noch halbwegs zu verdienen, erhalten derzeit keine Angebote, die auch nur einigermaßen einträglich sind. Für diese Betreiber könnte also der Wechsel in die Zeit nach EEG problematisch werden. Unterhalb von dreieinhalb Cent? Ich habe solch einen Windpark – davon kann ich nicht leben.

Eine gewisse Zeit müsste man überbrücken, aber dann würden ja voraussichtlich die Preise wieder steigen.

Walter Delabar: Ja, wenn das denn so ist. Das ist ja eine Entwicklung, die Ihnen aber niemand garantieren kann. Naheliegender Weise wird man annehmen können, dass Verbräuche und Strompreise wieder steigen. Ist die Frage, wie schnell das kommt. Sie müssen bei kleineren Windparks immer fragen, wie lange die das hinbekommen und wann die Kosten die Erlöse und Rücklagen aufgefressen haben, die nicht für den Rückbau vorgehalten werden.

Rechnen Sie damit, dass Anlagen, die in den Weiterbetrieb gehen sollten, jetzt durch diese Situation doch abgebaut werden müssen?

Walter Delabar: Das kann ich nicht ausschließen. Es kommt natürlich immer auf den einzelnen Windpark an; ob er Reserven hat, wie viele Reserven er hat, wie riskant er spielt, oder ob er vielleicht zum jetzigen Zeitpunkt Verträge geschlossen hat, die Vergütungen oberhalb von dreieinhalb, vier Cent garantieren. Erwarte ich aber nicht. Die Direktvermarktung oder Vertragspartner müssen das ja refinanzieren, die müssen den Strom dann immer noch irgendwo verkaufen. Es nimmt ihm keiner den Strom für vier Cent ab, wenn an der Börse für dreieinhalb gehandelt wird.

Was würden negative Strompreise bedeuten?

Walter Delabar: Das trifft zum Glück nur neuere Windparks, kann sich aber verhängnisvoll auswirken: Da bleibt einem nur der Marktwert, in den ja die negativen Strompreise schon eingeflossen sind. Aber die Windparks verlieren tatsächlich für diese Zeiträume – also negative Strompreise über sechs Stunden – zwei Drittel ihrer Vergütung. Oder noch mehr. Je nachdem, wie hoch der Marktwert im jeweiligen Monat ist. Das schlägt besonders in windstarken Monaten durch. Der Februar war ja ein super Monat. Aber er hatte 72 Stunden negative Strompreise über sechs Stunden. Das hieß für einen unserer Windparks, dass er mindestens 100.000 Euro mehr Erlöse hätte haben sollen, was ihm gutgetan hätte. Er hat dann nur einen Bruchteil seiner höheren Februarproduktion vergütet bekommen. Und es könnte sein, dass die negativen Strompreise sich dieses Jahr spürbar mehr werden.

Wie sollten Betreiber sich auf diese Situation einstellen?

Walter Delabar: Die Liquiditätsreserven erhöhen. Es kann einfach passieren, dass ich sehr schnell Liquidität abschmelze, weil Erlöse fehlen.

Liquidität erhöhen. Das ist jetzt aber ein schlechter Zeitpunkt.

Walter Delabar: Es ist immer ein schlechter Zeitpunkt. Es ist aber leider so. Gerade am Jahresende oder zum Ende der windstarken Zeit sollten die Liquiditätspolster relativ gut sein. Jetzt muss man die Rücklagen haben für die windarmen Jahreszeiten, für den Sommer. Und die würde ich etwas erhöhen. Investitionen zurückzuhalten ist zudem sinnvoll.

Was sollte man an Liquiditätspolster in der Hinterhand haben?

Walter Delabar: Eine alte Faustformel sagt, man sollte eine Tilgungsrate in der Hinterhand haben. Das kann einen aber einholen, weil die Banken oft ab einem bestimmten Betrag – etwa eine Million Euro Liquidität auf dem Geschäftskonto – negative Zinsen verlangen. Das heißt, man muss mit den Banken sprechen, dass diese Konten davon ausgenommen sind. Macht ja keinen Sinn, dass die Bank von mir verlangt, Liquiditätsreserven vorzuhalten, Kapitaldienstreserve beispielsweise, und dann muss ich dafür Zinsen zahlen. Das geht nicht.

Was ist bei der Liquiditätsplanung zu berücksichtigen? Und: Welche Bedeutung haben Liquiditätsplanung, -kontrolle und -prognose?

Walter Delabar: Die kaufmännische Betriebsführung denkt immer in zwei Richtungen, in Richtung retrospektiver Auswertung und in Richtung Weiterführung und Prognose. Eine liquiditätsorientierte Planung und Nachführung ist immer darauf aus, zu klären ob eine Planung eingehalten wird und wie sich der Status quo auf die künftige Entwicklung auswirkt. Dabei werden aber nur Positionen erfasst, die liquiditätsrelevant sind, anders als etwa in der Bilanz oder in der Gewinn- und Verlustrechnung. Die haben ja auch andere Aufgaben.

Mit einer Liquiditätsplanung kann ich frühzeitig Liquidität, die ich ausschütten kann, bestimmen. Aber auch Liquiditätsengpässe erkennen und Maßnahmen ergreifen, um die Zahlungsfähigkeit eines Windparks aufrecht zu erhalten. Das kann dann durch Einsparungen geschehen oder durch Vereinbarungen mit Lieferanten und Dienstleistern, Zahlungen zu strecken. Nach meiner Erfahrung ist es wichtig, dabei zum einen transparent und offen vorzugehen, zum anderen – wenn man eine Vereinbarung mit einem Partner getroffen hat – diese Vereinbarungen strikt einzuhalten. Offenheit und Verlässlichkeit schaffen Vertrauen.

Fatal wäre es, in der Krise abzutauchen, nicht zu reden und auch nicht zu zahlen, weil das alle Beteiligten unter Zugzwang stellt. Ist das Kind dann in den Brunnen gefallen, dann kriegt man es auch nicht mehr raus.

Das Interview führte Nicole Weinhold im Auftrag des BWE. Es erschien zunächst in der Fachzeitschrift „Erneuerbare Energien“.


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