"Eine Verdopplung der Windenergie ist ohne Weiteres möglich"

Windpark Bietikow im Rapsfeld vor bewölktem

Interview mit Dr. Hartmut Brösamle und Dr. Martin Grundmann über die vielversprechende Entwicklung der Windenergie im Binnenland und darüber, was diese verzögern könnte.

Der Ausbau der Windenergie im Binnenland ist ein wesentlicher Bestandteil der Energiewende. Wie schätzen Sie die aktuelle Entwicklung ein?

Dr. Hartmut Brösamle: Die Ausbauzahlen liegen im Rahmen des Erwarteten, man hätte aber durchaus mehr erreichen können. Es gibt einige Bundesländer, die bei der Flächenausweisung nach wie vor hinterherhinken, aber wir sehen auch sehr positive Entwicklungen: zum Beispiel in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen oder Rheinland-Pfalz, wo jetzt mit Nachdruck daran gearbeitet wird, mehr Flächen auszuweisen. Und das wird sich in ein paar Jahren dann auch in den Errichtungszahlen niederschlagen.

Dr. Martin Grundmann: Da stimme ich Herrn Brösamle zu, die Ausbauzahlen sind etwa so, wie wir es erwartet haben. Allerdings mussten wir im letzten Jahr durch die Äußerungen von Herrn Altmaier und die darauf folgenden Diskussionen auch einige Rückschläge hinnehmen. Gerade an Binnenlandstandorten haben diese auch zu Investitionsunsicherheiten geführt. Aber wir haben durch die starken Ausweisungen neuer Windeignungsflächen in ganz Deutschland erheblich an Potenzial hinzugewonnen.

Dann stehen wir also vor einem Boom im Binnenland?

Brösamle: Ich wäre da eher vorsichtig! Die Erfahrung der vergangenen Jahre zeigt ja, dass es mit der Realisierung von Projekten meist länger dauert als gedacht. In den südlichen Bundesländern ist trotz allem noch viel Luft nach oben. Eine Verdoppelung der Windenergieleistung in den nächsten 10 bis 15 Jahren wird in Deutschland ohne weiteres möglich sein – und dazu wird das Binnenland den größten Anteil beitragen.

Woran liegt es, dass das Binnenland für die Windenergie immer stärker in den Fokus rückt: Sind die Top-Standorte, z. B. in Küstennähe, bereits vollständig bebaut?

Grundmann: Auch die küstennahen Standorte sind noch längst nicht alle erschlossen, aber es geht jetzt vor dem Hintergrund der Energiewende stärker in Richtung Binnenland. Allerdings sollten wir dabei nach Effizienzkriterien vorgehen, also erst die Standorte bebauen, die einen hohen Output erwarten lassen, und danach die windschwachen Standorte. Schließlich befinden wir uns auch in der Windenergie in einem Industrialisierungsprozess, bei dem die Kostenbetrachtung eine wichtige Rolle spielt.

Brösamle: Da bin ich etwas anderer Meinung. Es wäre nicht gut, sich zunächst nur auf die windstärksten Standorte zu konzentrieren. Wenn wir es mit der Energiewende wirklich ernst meinen, sollten wir möglichst flächendeckend nach geeigneten Standorten suchen. Denn gerade in den südlichen Bundesländern, wo wir auch Standorte mit weniger Windaufkommen haben, wird der Strom gebraucht. Daher sollten wir wirklich bundesweit alle Potenziale nutzen, zumal wir heute auch über Anlagentypen für Standorte mit schwächerem Wind verfügen.

Was sind die entscheidenden Unterschiede für Projekte im Binnenland im Vergleich zu denen an küstennahen Standorten?

Brösamle: Was die grundsätzliche Planung und Belange wie Artenschutz, Naturschutz oder Lärmimmissionen betrifft, hat jeder Standort seine speziellen Herausforderungen, egal ob an der Küste oder im Binnenland. Wirklich binnen- landspezifisch ist das Thema Ertragsabschätzung: Diese ist schwieriger, da die Topografie in der Regel sehr viel komplexer ist. Hier haben wir auch weit weniger Erfahrungswerte, auf die sich eine jeweils neue Ertragsabschätzung stützen kann. Das heißt, wir müssen uns hier wieder stärker mit Windmessungen befassen – ob mit klassischen Windmessmasten oder auch mit SoDAR oder LiDAR. An den traditionellen Standorten können wir in der Regel auf die Referenzanlagen in der Umgebung zurückgreifen. Darüber hinaus gibt es noch Spezialthemen, wie zum Beispiel Vereisung in den Hochlagen von Mittelgebirgen, die wir so an der Küste natürlich nicht haben.

„Die Hersteller können ihre Anlagen für die differenzierten Binnenlandstandorte aber noch weiter optimieren.“

Welche Auswirkungen hat ein stärkerer Zubau im Binnenland auf die Belastung der Netze?

Grundmann: Nach allem was wir wissen, werden wir die jetzt geplanten Über- tragungsnetze auf jeden Fall benötigen – unabhängig davon, wo in Zukunft mehr Windkraftanlagen gebaut werden. Tatsache ist, dass wir in einem europaweiten Energieverbund agieren, in dem immer größere Mengen an Strom zwischen den Staaten transportiert werden. Das wird in Zukunft noch zunehmen.

Brösamle: Der derzeit verlangsamte Netzausbau darf nicht dazu führen, dass wir das Ausbautempo der Windenergie daran orientieren. Denn wir sind noch weit davon entfernt, dass die Netze der begrenzende Faktor für den Ausbau der Windkraft wären. Das zeigt auch eine gerade veröffentlichte Studie von Agora Energiewende, die vom Fraunhofer IWES unterstützt wurde. Insofern greift auch die aktuelle Diskussion um den Zusam- menhang zwischen dem Ausbau der Windenergie und dem Netzausbau nicht. Trotzdem ist es natürlich wichtig, dass der Netzausbau auf mittlere Sicht vorankommt.

Warum gibt es im Süden allem Anschein nach größere Akzeptanzprobleme als
im Norden? Was muss hier in Zukunft getan werden, um mehr Akzeptanz zu schaffen?

Grundmann: In Schleswig-Holstein machen wir mit dem Gedanken der Bürgerwindparks sehr gute Erfahrun- gen, weil die Akzeptanz dann schon in der Vorbereitung der Investitionsphase eine sehr wichtige Rolle spielt. Die Menschen vor Ort von Anfang an mitzunehmen und ihnen die Möglichkeit zu geben, auch finanziell am Ausbau der Erneuerbaren teilzuhaben, ist sicher mit entscheidend für mehr Akzeptanz vor Ort. Das sollte auch in Zukunft einen gewichtigen Faktor darstellen.

Brösamle: Für mich gehört dazu vor allem eine professionelle Planung sowie eine fundierte und transparente Information aller Entscheidungsträger und aller Bürger. Ich sehe da allerdings kein großes Nord-Süd-Gefälle. Dies hängt wohl eher mit der Berichterstattung zusammen,
da das Thema für die Medien im Nor- den nicht mehr ganz so aktuell ist wie im Süden. Insgesamt sind es wirklich sehr wenige Projekte, die auf größeren Widerstand stoßen. Wir haben sehr viele Projekte im Binnenland in Planung, und bei mehr als 90 Prozent davon haben wir keine Akzeptanzprobleme. Wenn man die Leute von Anfang an mitnimmt, ist das eigentlich der Normalfall.

Wie gehen Sie dabei vor?

Brösamle: Wir beziehen als allererstes die Gemeinden mit ein, gehen in den Gemeinderat, wir organisieren Informationsveranstaltungen für die Bürger und reden mit den Naturschutzverbänden vor Ort. Es ist absolut wichtig, alle Beteiligten von Anfang an mit ins Boot zu holen, denn damit schafft man eine hohe Akzeptanz.

Grundmann: Transparenz ist hier ein entscheidendes Stichwort: Je besser und umfassender alle über die Projektzusammenhänge informiert sind, desto mehr Unterstützung ist in der Regel zu erwarten. Mehr Transparenz ist allerdings auch in der politischen Debatte wünschens- wert, wenn wir die Energiewende wirklich wollen.

Brösamle: Meiner Ansicht nach müssen wir dafür die Politik noch stärker in die Pflicht nehmen. Für die Energiewende brauchen wir die Windenergie im Binnen- land genau so wie an der Küste oder auf See. Wenn die Rahmenbedingungen auf lange Sicht verlässlich sind, dann mache ich mir keine Sorgen über den weiteren Ausbau der Windenergie.

Grundmann: Ich denke, dass sich auch die Anlagentechnologie noch besser auf die Binnenlandstandorte einstellen muss, auch was die Kosten angeht. Es hat sich hier in der letzten Zeit viel getan, die Hersteller können ihre Anlagen für die differenzierten Binnenlandstandorte aber noch weiter optimieren.

Brösamle: Mittlerweile haben ja alle großen Hersteller typische Binnenlandanlagen entwickelt – mit hohen Türmen und großen Rotordurchmessern bei vergleichsweise kleinerer Generatorleistung. Jetzt geht es eher darum, die Investitionskosten pro erzeugter Kilowattstunde weiter zu senken, zum Beispiel indem weitere Gewichtseinsparungen realisiert werden. Aber große technische Sprünge sind wohl nicht mehr zu erwarten, da die aktuellen Anlagen mit 140 Meter hohen Türmen und 120 Metern Rotordurchmesser schon nah an dem sind, was auch aus Akzeptanzgründen realisierbar ist.

Wie wirkt sich nach Ihrer Erfahrung die aktuelle politische Debatte um das eeG und den Ausbau der Erneuerbaren insgesamt auf die Investitionsbereitschaft für Wea im Binnenland aus?

Grundmann: Das Allerwichtigste sind natürlich verlässliche rechtliche Rahmenbedingungen, um Planungs- und Investitionssicherheit zu erlangen. Das ist seit vielen Monaten nicht mehr der Fall, die aktuelle Diskussion geht in die falsche Richtung. Deswegen haben die Branche und ihre Interessenvertreter eine klare Aufgabe: erstens die guten Argumente für das EEG und den zügigen Ausbau der Windenergie bekannt zu machen – daher unterstützen wir auch die Kampagne des BWE für die Energiewende. Und zweitens zu zeigen, welche Leistungen die Erneuerbaren für das Energiesystem erbringen können, um dieses versorgungssicher, nachhaltig und kostenoptimiert zu gestalten. Letztlich brauchen wir die Investitionssicherheit, wie sie durch das EEG gewährleistet wird. Dass sich die Energiewende durch Ausschreibungs- oder Quotenmodelle realisieren lässt, wage ich zu bezweifeln, hier wäre dann erstmal ein paar Jahre Pause.

Brösamle: Wir haben für Windprojekte in Deutschland Planungszeiträume von drei bis fünf Jahren. Wenn hier Gesetzesänderungen kommen sollen, muss die Branche auch Zeit haben, sich darauf einzustellen. Kurzschlussaktionen wie spontane Gesetzesänderungen oder auch nur öffentliche Diskussionen darüber sorgen für Unsicherheit und sind für die Branche gefährlich. Planungssicherheit ist gerade für eine nach wie vor mittelständisch dominierte Branche elementar wichtig.

„Wir brauchen eine sinnvolle Anpassung des EEG, aber wir brauchen vor allem langfristige Sicherheit und Vergütungsmodelle, mit denen auch Standorte im Binnenland wirtschaftlich sind.“

Eine Anpassung des EEG muss im Rahmen einer Gesamtbetrachtung des Energiemarktes erfolgen. Die aktuelle Kostendebatte ist keine Fragestellung der Erneuerbaren Energien allein. Deshalb brauchen wir ein Gesamtkonzept und keinen Aktionismus, der auf einzelne Punkte abzielt, aber das Gesamtsystem außer Acht lässt. Die Auswirkungen des Merit-Order-Effekts oder die Befreiung energieintensiver Unternehmen treiben die EEG-Umlage immer weiter in die Höhe, ohne dass der weitere Ausbau der Windenergie hierfür ursächlich ist. Wir brauchen eine sinnvolle Anpassung des EEG, aber wir brauchen vor allem langfristige Sicherheit und Vergütungsmodelle, mit denen auch Standorte im Binnenland wirtschaftlich sind.

Grundmann: Die politische Debatte wird ja teilweise immer noch so geführt, als handle es sich bei der Windindustrie hauptsächlich um Einzelanlagenbetreiber und Kleinstunternehmer. Dabei haben
wir in Deutschland einen Markt, der etwa 380.000 Menschen beschäftigt, das entspricht der Größenordnung der chemischen Industrie. Wir haben industrialisierte Unternehmen in allen Bereichen der Windenergie und wir haben es mit internationalen Investoren zu tun, die die politische Debatte in Deutschland mit großem Interesse verfolgen. Mir scheint, dass das Bewusstsein dafür in der Politik noch nicht ausreichend ausgeprägt ist.

Die durch die politische Debatte ausgelöste Verunsicherung schadet dem Investitionsklima und damit dem Klimaschutz ganz erheblich.