Warum sind größere Höhen so interessant

Mit zunehmender Turmhöhe erreichen Windenergieanlagen Luftschichten mit höheren Windgeschwindigkeiten und geringerer Turbulenzintensität. Dies wirkt sich unmittelbar auf die Energieausbeute aus. Eine deutliche Steigerung der Nabenhöhe kann den Ertrag erheblich verbessern, da sowohl die mittlere Windgeschwindigkeit als auch deren Homogenität zunimmt. Gleichzeitig wächst die dominierende mechanische Belastung, der Rotorschub. Jedoch wächst der Rotorschub nur quadratisch und nicht so stark wie die Leistung, nämlich kubisch.

 

Weil die Leistung mit der dritten Potenz der Windgeschwindigkeit wächst, während der Rotorschub nur mit der zweiten Potenz steigt, ergibt sich ein struktureller Vorteil:
Die lastbestimmenden Kräfte nehmen deutlich langsamer zu als der Energieertrag, was hohe Turmhöhen trotz steigender Anforderungen wirtschaftlich attraktiv macht.

 

Rotorvergrößerung oder größere Anlagenleistung als weiterer Effizienzfaktor

Ein zweiter zentraler Hebel ist die Vergrößerung der Rotorfläche. Eine Verdopplung des Rotorradius führt zu einer erheblichen Steigerung der Leistung, da die nutzbare Windfläche quadratisch wächst. Allerdings steigen dadurch auch die auf die Struktur wirkenden Kräfte (Rotorschub) ebenfalls quadratisch an. Hierdurch ergibt sich kein Vorteil im Verhältnis der Leistung zum Rotorschub.
Werden größere Rotoren mit höheren Nabenhöhen kombiniert, summieren sich diese Effekte und ermöglichen eine außergewöhnlich hohe Leistungsfähigkeit moderner Anlagen.

Wirtschaftliche Potenziale trotz steigender konstruktiver Anforderungen

Obwohl große Anlagen erhöhte Material- und Strukturanforderungen mit sich bringen, eröffnen sie spürbare wirtschaftliche Vorteile. Der höhere Energieertrag ermöglicht eine effizientere Nutzung auch schwacher Windstandorte und kann über die Betriebszeit hinweg deutliche Zusatzerlöse generieren. Damit entsteht ein neues wirtschaftliches Argument für besonders hohe Anlagen, trotz des parallel steigenden konstruktiven Aufwands. Der Zusatzertrag berechnet sich über den Vorteil der mittleren Windgeschwindigkeit sowie über die größeren Anlagen. So ergibt sich über einen Zeitraum von 12 Jahren ein geschätzter Zusatzertrag von fast 12 Mio € bei einem Radius von 100m.

Neue konstruktive Anforderungen durch Extremhöhen

Mit Turmhöhen über 200 Metern werden die Grenzen konventioneller Fertigungs- und Transportprozesse erreicht. Solche Dimensionen machen neue Materialkonzepte, hybride Strukturen und optimierte Tragwerksformen notwendig. Konstruktionen müssen höhere Eigengewichte und komplexere dynamische Belastungen bewältigen. Gleichzeitig müssen die Anforderungen an Stabilität, Schwingungsverhalten und Ermüdungsfestigkeit eingehalten werden.

Automatisierung und modulare Fertigung als Schlüsseltechnologien

Um Türme großer Höhe wirtschaftlich herstellen zu können, gewinnt die Industrialisierung der Produktion an Bedeutung. Kontinuierliche Formgebungsverfahren, automatisierte Schweißprozesse und robotergestützte Fertigungsschritte ermöglichen gleichbleibende Qualität bei gleichzeitig sinkenden Fertigungszeiten.
Parallel dazu setzen sich modulare Bauweisen weiter durch. Vorgefertigte Segmente, die auf dem Transportweg an die infrastrukturellen Möglichkeiten angepasst sind, erleichtern die Logistik und erlauben eine flexible Montage am Standort. Dies betrifft sowohl Stahl- als auch Hybrid- und Betonmodule.

Transport als limitierender Faktor

Auch der Transport großer Komponenten bleibt ein zentraler Engpass. Restriktionen durch Straßenbreiten, Brückenhöhen, Kurvenradien und Achslasten verlangen hochgradig optimierte Transportkonzepte. Große Durchmesser und hohe Gewichte erschweren den konventionellen Transport erheblich und führen zu steigenden Kosten.
Modulare Strukturen sowie segmentierte Elemente bieten daher einen wesentlichen Vorteil:
Sie reduzieren die Abmessungen einzelner Bauteile und ermöglichen den Transport über bestehende Infrastrukturen hinweg. Gleichzeitig müssen Lagerung, Handling und Transportlogistik frühzeitig in die Projektplanung integriert werden.

Fazit

Windenergieanlagen der nächsten Generation erschließen durch größere Höhen und Rotoren ein enormes energetisches und wirtschaftliches Potenzial. Sie bieten die Möglichkeit, auch schwächere Windstandorte effizient zu nutzen und den Beitrag der Windenergie zum Energiesystem weiter zu steigern.
Um diese Potenziale auszuschöpfen, sind jedoch neue Lösungen in Konstruktion, Fertigung, Transport und Montage erforderlich. Erst das Zusammenspiel aus technologischer Innovation, intelligenter Logistik und optimierten Fertigungsprozessen macht den Bau von Türmen jenseits bisheriger Standards möglich. Die Weiterentwicklung dieser Bereiche wird entscheidend dafür sein, wie erfolgreich die Windenergie den nächsten Skalierungsschritt vollzieht.


Dieser Beitrag ist aus dem BWE-BetreiberBrief 4-2025. Jetzt unter betreiberbrief.de registrieren und künftig alle aktuellen Ausgaben kostenfrei per Mail erhalten!


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