Windbranche lernt vom Autobau

Das längste Rotorbaltt der Welt Mit 83,5 Metern.

Mit neuen Materialien, Plattformkonzepten und Massenfertigung übernimmt die Windbranche bewährte Modelle aus der Flugzeug- und Autoindustrie.

Mit 83,5 Metern hat der Dänische Rotorblattentwickler SSP Technology 2014 den aktuellen Rekord für das bis Dato längste Rotorblatt der Welt aufgestellt. Das Blatt, das in einer Mitsubishi Offshore-Anlage mit 7 Megawatt (MW) und einem Durchmesser von 171 Metern zum Einsatz kommt, überragt die Blätter der Siemens SWT-6.0-154 um 8,5 Meter; diese Turbine hatte den Längenrekord 2013 gehalten.

Länge des Rotorblattes entscheidet über Leistung

Die Länge der Rotorblätter ist entscheidend für die Leistungsentwicklung der Windkraft, da die Nennleistung der Anlagen mit der dritten Potenz ihrer Durchmesser steigt. Der Entwicklers SSP setzt für das 83,5 Meter lange Rotorblatt einen Kern aus Kohlefaser statt Glasfaser ein. Bei gleich bleibendem Durchmesser des Nabenflansches wird das Blatt dadurch steifer und kann in der Länge wachsen, ohne dass die Spitzen des Blattes bei starken Böen gegen den Turm der Windanlage schlagen.

Die Windbranche übernimmt damit Materialien und Fertigungsverfahren aus der Luftfahrt und Automobilbranche. Unternehmen wie BMW haben die extrem steife und dabei leicht Kohlefaser inzwischen für den Leichtbau in Elektroautos entdeckt und eröffenen damit perspektivisch einen Massenmarkt. Dadurch könnten die Preise für Kohlefaser sinken. Bis auf die Flugzeugindustrie kam Kohlefaser in der Serienfertigung bis vor wenigen Jahren vor allem bei Produkten wie Tennisschlägern und Helmen zu Einsatz. Durch den Einsatz neuer Materialien sehen Experten kaum noch technische Hürden für ein weiteres Längenwachstum der Blätter und damit steigende Leistungen der Turbinen.

Auch die Windbranche setzt auf das Plattformkonzept

Gleichzeitig hat die Windbranche begonnen, das in der Automobilindustrie bewährte Plattformkonzept zu übernehmen. Dort werden Komponenten wie Karosserie oder Radkästen in verschiedenen Fahrzeugen gemeinsam genutzt. Die Fahrzeuge unterscheiden sich für den Kunden vor allem in der Kombination der Komponenten sowie in Design und Ausstattung. Siemens bietet Windturbinen in verschiedenen Leistungsstufen inzwischen auf der D-Plattform (Direct Drive, getriebelos) und auf der G-Plattform (Geared, mit Getriebe) an.

Nordex und andere Firmen legen ihre Anlagen auf Basis einer Plattform von Schwachwind bis Starkwind meist für die drei verschiedenen Windklassen (IEC 3 bis 1) aus. Wie in der Autoindustrie sinkt damit die Zahl der verschiedenen Bauteile. So entstehen Skaleneffekte, die die Produktion der Windenergieanlagen aber auch die Wartung günstiger und einfacher machen.

Das längste Rotorblatt der Welt ist fast 5 x so lang wie eine Lokomotive und fast 19 x so lang wie eine normaler PKW.