Nach dem EEG – Wie weiter mit Bestandsanlagen und Bestandsflächen?

 

Bis 2025 fallen schätzungsweise 16.000 MW installierte Windenergie-Leistung aus der Vergütung nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz. Das wirft Fragen auf:

Sowohl nach dem notwendigen Nettozubau für die Erreichung der deutschen Klimaschutzziele als auch nach den Chancen eines rentablen Weiterbetriebs im Anschluss an die Förderung oder zur Nutzbarkeit von Bestandsflächen. Der Bundesverband WindEnergie (BWE) hat mit der Studie „Perspektiven für den Weiterbetrieb von Windenergieanlagen nach 2020“ eine Grundlage für diese politischen Debatten geliefert und mit mehreren Leitfäden erste Antworten gegeben.

Fast 29.000 Windenergieanlagen an Land und 1.200 Anlagen in Nord- und Ostsee mit zusammen 56 Gigawatt tragen mit 107 Terrawattstunden ganz entscheidend zum deutschen Strommix bei. Gleichzeitig sparen sie 72 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente und leisten so einen wichtigen Beitrag für den Klimaschutz. Noch vor Steinkohle, Erdgas und Solar ist die Windenergie mit 18,8 Prozent der deutschen Bruttostromerzeugung zur zweitwichtigsten Energiequelle aufgestiegen. Im Koalitionsvertrag haben CDU/CSU und SPD vereinbart, dass die Erneuerbaren Energien bis 2030 gut 65 Prozent des Strombedarfs decken. Auch Sonderausschreibungen sind angekündigt und der Ausstieg aus der Kohleverstromung wird sichtbar. Dies stärkt die Rolle der Windenergie als Leittechnologie des Energiesystems der Zukunft.

In der gleichen Zeit scheiden erstmals Erneuerbare-Energien-Anlagen aus der Systematik des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes (EEG) aus. Ob diese auch ohne Förderung wirtschaftlich weiterbetrieben werden und zuverlässig CO2-freie Energie liefern, hängt von einer Reihe politisch bestimmter Faktoren ab. Um insgesamt eine fundierte Grundlage für damit in Zusammenhang stehenden Debatten zu liefern, hat der BWE die Studie „Perspektiven für den Weiterbetrieb von Windenergieanalagen nach 2020“ durch die Deutsche WindGuard erarbeiten lassen. Parallel wurden in mehreren Leitfäden bereits bestehende Vermarktungsoptionen innerhalb und außerhalb des EEG sowie Möglichkeiten für die planerische Sicherung gut akzeptierter Bestandsflächen aufgezeigt. Außerdem macht sich der BWE u.a. über ein Gutachten des Instituts für Klimaschutz, Energie und Mobilität (IKEM) für die Direktbelieferung an Gewerbe und Industrie sta

16.000 MW fallen aus der EEG-Systematik

Auf dem Weg zu einer klimaschonenden Energieversorgung legt das Erneuerbare-Energien-Gesetz Ausbaukorridore für die verschiedenen erneuerbaren Energieträger fest. Diese sollen die Einhaltung der deutschen Klimaschutzziele absichern, die sich in europäische und internationale Klimaschutzvereinbarungen einbetten. Die Ausbaukorridore sehen für die Windenergie an Land einen jährlichen Bruttozubau zwischen 2.800 MW und 2.900 MW vor. Mit Blick auf die Dekarbonisierung der Sektoren Strom, Verkehr, Wärme und Gewerbe hält der BWE diese Bruttomengen für deutlich zu gering. Wichtiger - und in der politischen Debatte oft vernachlässigt - ist jedoch die Entwicklung der installierten Leistung insgesamt. Zum Jahresende 2020 endet für die ersten Anlagen der für 20 Jahre garantierte EEG-Vergütungsanspruch. Betroffen sind 3.800 - 4.000 MW installierte Leistung. Bis 2025 werden sogar bis zu 16.000 MW installierte Leistung aus der EEG-Förderung fallen. Das entspricht knapp 8000 der über 26.000 Windenergieanlagen in Deutschland oder rund 30 Prozent des deutschen Anlagenparks.

 

Grafik: Installierte Leistung und Anlagenanzahl der Bestandsanlagen nach Bundesländern. Quelle: Deutsche WindGuard.

Bruttozubau als irreführende Bezugsgröße        

Die im EEG 2017 definierten Brutto-Ausbaukorridore nehmen keine Rücksicht auf einen möglichen Rückbau von Kapazitäten. Kommt es zu einem deutlichen Anlagenrückbau, droht nach 2020 ein Einbruch der Stromerzeugung aus Windenergie. Zusätzlich negativ auf den Zubau wirkt sich die Fehlsteuerung aus dem Ausschreibungsverfahren im Jahr 2017 aus, in dem sich politisch definierte Bürgerenergieprojekte mit hohem Umsetzungsrisiko rund 95 Prozent des Zuschlagsvolumens sicherten. Unter der Annahme eines Zubaus in der Größenordnung der Ausschreibungsmenge (2.800 – 2.900 MW pro Jahr) und eines ggf. stattfindenden vollständigen Rückbaus der betroffenen Bestandsanlagen droht ggf. sogar eine negative Kapazitätsentwicklung.  Deshalb muss der Rückbau von Anlagen im Ausschreibungssystem berücksichtigt werden.

 

Grafik: Auslaufende EEG-Förderung vs. Ausschreibungen nach dem EEG 2017. Quelle: Deutsche WindGuard

Um das Ziel der Bundesregierung 65% Erneuerbare Energien bis 2030 erreichbar zu machen und 2050 die Dekarbonisierung der Energiewirtschaft zu erreichen, sieht der BWE gestützt auf eine gemeinsame Studie mit der Initiative Erdgasspeicher einen jährlichen Zubau von netto 5.000 MW als erforderlich an.

Wie weiter? Einnahmebedarf und Vertriebsmodelle

Technisch ist der Weiterbetrieb von Windenergieanlagen meist möglich. Dafür muss ein Standsicherheitsnachweis erbracht werden. Aufgrund vergangener technischer Nachrüstungsprogramme stellen Bestandsanlagen im Weiterbetrieb kein Problem für die Netzstabilität dar. Ob Windenergieanlagen weiterbetrieben werden, ist letztlich allein eine wirtschaftliche Frage. Die Analysen der Deutschen WindGuard rechnet je nach Weiterbetriebskonzept mit einem durchschnittlichen Einnahmebedarf von 2,8 bis 3,6 ct./kWh. Damit ist der Weiterbetrieb allerdings nur bis zum ersten (größeren) Schadensfall möglich und wird so weder für den Betreiber noch den Vermarkter und den Netzbetreiber planbar. Deutlich wird, dass die klassische Direktvermarktung über die Börse ein Preisniveau erfordert, das einen Marktwert für Wind von rund 4 ct./kWh gewährleistet. Erste Angebote im Markt bewegen sich um 3 ct./kWh. Welche Einnahmen ab 2021 tatsächlich erzielbar sind, hängt u.a. davon ab, wann fossile Überkapazitäten aus dem Markt gehen und/oder ob eine nachhaltige Bepreisung des klimaschädlichen CO2 erfolgt. Beides ist politisch determiniert. 

Heute zulässige Vermarktungswege jenseits der Strombörse, wie regionale Vermarktung, Eigenversorgung, Power-to-X-Modelle und das Bereitstellen von Regelleistung stoßen regelmäßig an regulatorische Hürden. Deshalb engagiert sich der BWE stark dafür zusätzliche Vermarktungswege – sowohl für Bestandsanlagen als auch für neue Anlagen – zu erschließen. Die Forderung nach einem direkten Zugang mit B2B-Lösungen in den Markt hat der BWE zwischenzeitlich mit einer rechtswissenschaftlichen Studie, die das Institut für Klimaschutz, Energie und Mobilität (IKEM) erstellt hat, untersetzt und europarechtlich geprüft. Der Verband will damit ein einfach handhabbares Instrument im Rahmen der sonstigen Direktvermarktung schaffen. Damit soll es zugleich gelingen, die grüne Eigenschaft des Stromes auf Basis von Echtzeitdaten von der Erzeugung zum Letztverbraucher weiterzugeben, so dass der Verbraucher im weiteren Verwertungsweg diese Eigenschaft zur Verbesserung seiner CO2-Bilanz nutzen kann. 

Bestandsflächen in den Fokus nehmen

Die Studie der Deutschen WindGuard zeigt, dass an vielen Standorten aktuell ein Repowering planungsrechtlich unmöglich ist. Um etablierte und akzeptierte Standorte mit investierter Netzinfrastruktur in der Nutzung zu behalten, ist dies zu überdenken.

Die Einführung eines nachhaltig wirkenden CO2-Preises ist erforderlich.

Dass dies auch national funktioniert, machen uns Länder wie Schweden oder die Schweiz vor.

Der BWE hat deshalb in seinem Leitfaden „Regionalplanung und Repowering – Planerische Gestaltungsmöglichkeiten“ die Handlungsspielräume für die zuständigen Planungsbehörden aufgezeigt, die ein Repowering rechtssicher erleichtern können. Dazu gehören beispielweise verkürzte Abstandskriterien für Bestandsanlagen oder regionalplanerische Ausnahmen für Repowering-Projekte außerhalb neu dargestellter Eignungsgebiete. Hier stehen die Landesregierungen in einer starken Mitverantwortung, um die Energiewende engagiert fortzuführen.

Fazit: 

Erstmals scheidet eine nennenswerte Zahl von Bestandsanlagen aus dem System der Einspeisevergütung aus. Damit diese nicht unerhebliche Kapazität weiter einen Beitrag zum Klimaschutz leisten kann, sind politische Weichenstellungen erforderlich.

1. Fossile Überkapazitäten müssen dringend vom Markt genommen werden. Dass dies möglich ist, zeigte die zwischen CDU/CSU, FDP und Grünen schon einmal vereinbarte kurzfristige Stilllegung von 7.000 MW Kohleleistung.

2. Die Einführung eines nachhaltig wirkenden CO2-Preises ist erforderlich. Dass dies auch national funktioniert, machen uns Länder wie Schweden oder die Schweiz vor.

3. Gut akzeptierte und hinsichtlich der Infrastruktur finanzierte Bestandsflächen müssen nutzbar bleiben. Wie die dafür möglichen Spielräume rechtssicher genutzt werden können, hat der BWE in einem Leitfaden gegenüber allen Planungsbehörden aufgezeigt.

4. Das Schlagwort Markt muss mit Leben erfüllt werden. Nach wie vor bestehen zu viele Barrieren, um die preiswerte Windenergie in alle Sektoren und alle Infrastrukturen im Energiebereich nutzbar zu machen. Die Politik ist gefordert!

 

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