„Lokaler Mehrwert“ schlägt „Klimaschutz“

Windparkfest: Besucher des Bürgerwindparks Friedrich-Wilhelm-Lübke-Koog

Wenn es vor Ort Widerstand gegen Windprojekte gibt, kann das Genehmigungsprozesse verzögern und hohe Kosten verursachen. Verschiedene Studien untersuchen, welche Kriterien für die Akzeptanz eines Windparks entscheidend sind.

„Die Anwohner fühlen sich am Meisten von der Beeinträchtigung des Landschaftsbildes und den Geräuschen gestört“, erklärt Gundula Hübner, Professorin für Sozialpsychologie an der Medical School Hamburg und der Universität Halle-Wittenberg. Hübner ist Co-Autorin der vergleichenden Studienauswertung „Mehr Abstand – mehr Akzeptanz?“, die von der Fachagentur Windenergie an Land herausgegeben wurde. Die Arbeit wertet vier Studien aus, in denen insgesamt über 1.3000 Anwohner von mehr als 20 WEA-Standorten befragt wurden. „Ein weiteres Problem für die Anwohner ist die nächtliche Hindernisbefeuerung“, so Hübner weiter. Der Rotorschatten und die Lichtreflexionen spielten dagegen bei den neueren Studien kaum noch eine Rolle, diese Probleme seien durch nichtreflektierende Farben und die Regeln zum Emissionsschutz beim Schattenwurf weitestgehend gelöst. „Im Durchschnitt fühlen sich die Befragten nicht stark belästigt. In einer unserer Studien lag die Belästigung auf dem Niveau der Landmaschinen, die durch das Dorf fahren“, fasst Hübner zusammen.

Die Anwohner fühlen sich am Meisten von der Beeinträchtigung des Landschaftsbildes und den Geräuschen gestört

Die Beteiligung ist der entscheidende Faktor

Entscheidend für Akzeptanz eines Windprojekts sei die Beteiligung der Bürger. „Wenn die Anwohner spürbar etwas von der Windenergie haben, dann steigt die Akzeptanz. Der lokale Mehrwert ist dabei wichtiger als der Beitrag zum globalen Klimaschutz“, erklärt Hübner. Neben der finanziellen Beteiligung ist die Partizipation am Planungsprozess wichtig: Die Studien hätten gezeigt, dass die  Akzeptanz wesentlich „mit der ‚Belästigung durch‘ bzw. der ‚Zufriedenheit mit der Planungs- und Bauphase‘ verbunden ist“. Schon in der Planungs- und Bauphase entscheide sich damit, wie ein Windpark später von den Anwohnern wahrgenommen wird.

Während Studien bisher vor allem danach gefragt haben, was die Anwohner stört, hat das Forschungsprojekt  KomMA-P untersucht, welche Personengruppen der Energiewende positiv bzw. negativ gegenüberstehen. Die Forscher beschreiben drei verschiedene Akzeptanzprofile: Die Untersützer (29 Prozent) akzeptieren regenerative Energien in ihrer Umgebung und sind auch bereit, für das Gelingen der Energiewende höhere Strompreise zu bezahlen. „Interessant ist, dass die Gruppe der Unterstützer insgesamt auch eher mit den Zielen der Energiewende übereinstimmt und Vertrauen in die Akteure der Energiewende hat: Also in die Bundesregierung, die Kommunen und in regionale Unternehmen wie die Stadtwerke“, so Sebastian Gölz vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE, das Koordinator im Forschungsverbund ist. Vertreter dieser Gruppe sind im Schnitt zwischen 46 und 69 Jahre alt und haben häufig schon direkte Erfahrung mit Windenergieanlagen gemacht. Sie wohnen in eher kleinen Haushalten und sind an dem Thema Energiewende interessiert.

Die Unentschiedenen (29 Prozent) finden sich in der Altersgruppe zwischen 18 und 35 Jahren: Vertreter dieser Gruppe leben in Städten, haben kaum eigenen Erfahrungen mit Windenergieanlagen gemacht, Vertrauen aber der Kompetenz ihrer Kommunen.

Wind-Kritiker erleben häufig die Politik insgesamt als ungerecht

Anders die Kritiker (27 Prozent): Der typische Vertreter dieser Gruppe ist über 70 Jahre alt und hat weder Vertrauen in die Bundesregierung, die Kommunen noch die Stadtwerke. Er oder sie zieht für die Energiewende eine negative Kosten-Nutzen-Bilanz, ist allerdings auch nicht an der Energiepolitik interessiert. Er empfindet es als unfair, wer von der Energiewende profitiert und wer nicht.

Bei den Kritikern handelt es sich um eine Gruppe, die grundsätzlich vieles als ungerecht erlebt

„Bei den Kritikern handelt es sich um eine Gruppe, die grundsätzlich vieles als ungerecht erlebt“, erklärt Gölz. Damit spiegele sich in der Frage um die Energiewende eine allgemeine gesellschaftliche Entwicklung wider: „Wir sehen derzeit in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen, dass 20 bis 25 Prozent der Bevölkerung insgesamt die Politik als ungerecht und undurchschaubar empfinden.“

Für alle Gruppen gilt, dass neben der individuellen Kosten-Nutzen-Abwägung die erlebte Fairness und Gerechtigkeit entscheidende Faktoren für die Akzeptanz der Energiewende sind: So wären 40 Prozent der Befragten auch bereit, mehr für Strom zu bezahlen, wenn sich alle anderen Stromkunden im gleichen Maße an den Kosten beteiligen, also auch die industriellen Großkunden.

Das Vertrauen, die Probleme der Energiewende zu lösen, genießen dabei vor allem regionale Akteure: 39 bzw. 40 Prozent trauen dies den Bürger*innen vor Ort zu, der Gemeinde bzw. Stadtverwaltung und den Stadtwerken. Der Bundesregierung trauen das nur noch 34 Prozent zu, den großen Energiekonzernen und der Europäischen Kommission nur 27 Prozent.

„Die Transformation des Energiesystems ist bisher gerade deswegen gelungen, weil sie für viele Bürger eine gute Geschichte erzählt hat“, so Gölz. „Dazu gehörte, dass sie vor Ort passiert und jeder mitmachen kann, der ein bisschen Kleingeld hat.“ Für die Akzeptanz gelte diese Geschichte noch. „Für die große Gruppe der Unentschiedenen ist vor allem wichtig: Wer sind die Akteure? Sind sie erreichbar und regional verortet und verbunden? Ist das noch etwas Greifbares? Das spielt für die erlebte Fairness eine wichtige Rolle.“

 

Zum Thema Akzeptanz hat der BWE aktuell die Sonderpublikation „Windkraft – eine Bürgerenergie“ veröffentlicht. Das Magazin zeigt auf, wie Anwohner vom Ausbau der Windenergie profitieren können. Auf 24 Seiten werden Praxisbeispiele vorgestellt: Wie sich Bürger bei der Planung beteiligen oder Teilhaber von Bürgerwindparks werden. Was die Windenergie für den Umweltschutz tut und welche Regelungen es in den verschiedenen Bundesländern gibt.

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