Wie funktioniert der Zweitmarkt für Windkraftanlagen?
Bernd Weidmann: Der Zweitmarkt für Windkraftanlagen ist der Handelsplatz für gebrauchte Anlagen und deren Komponenten, die nach dem Rückbau an einem anderen Standort weiterbetrieben oder als Ersatzteile genutzt werden. Der Rückbau selbst ist dabei immer erforderlich – der Unterschied liegt im Verwertungsweg: Während bei einer Verschrottung oft nur Materialerlöse erzielt werden, kann oft über den Zweitmarkt ein deutlich höherer wirtschaftlicher Nutzen entstehen.
Tipp: Was kostet der Rückbau? Und welche Erlöse sind aus einer Verschrottung zu erwarten? Eine Einschätzung bietet das digitale Tool von wind-turbine.com.
Bespielt wird dieser Markt von unterschiedlichen Akteuren. Neben spezialisierten internationalen Plattformen wie wind-turbine.com, die seit über 13 Jahren als zentrale Drehscheibe gilt, sind auch zahlreiche Makler aktiv. Häufig handelt es sich dabei um Betreiber aus unmittelbaren Nachbarstaaten, die selbst gebrauchte Anlagen erworben und sich im Laufe der Zeit ein Netzwerk und Fachwissen im Handel aufgebaut haben. Daneben werden Altanlagen auch auf allgemeinen Online-Portalen und Kleinanzeigenmärkten oder über die Webseiten der Betreiber selbst angeboten.
Der Prozess beginnt in der Regel mit einer technischen Bewertung der Anlage. Neben Baujahr, Hersteller und Typ werden auch Ertragsdaten, Wartungsprotokolle, Gutachten und Reparaturberichte herangezogen, um den Zustand und die Restlebensdauer einzuschätzen. Vollständige, digitale und transparente Dokumentation ist ein entscheidender Erfolgsfaktor – sie schafft Vertrauen, beschleunigt den Verkauf und erleichtert die internationale Vermarktung.
Traditionell gingen fast alle gebrauchten Windkraftanlagen aus Deutschland ins Ausland, da dort die Investitionskosten niedriger sind und ein Weiterbetrieb wirtschaftlich attraktiver ist. Osteuropa, Italien, UK und die Maghrebstaaten liegen da im Focus, da vor allem die Transportkosten im Rahmen bleiben.
Mittlerweile sind jedoch auch deutsche Betreiber vermehrt als Käufer aktiv, um Ersatzteile und Komponenten für ihren eigenen Bestand schnell und kostengünstig zu sichern.
Welche Faktoren bestimmen den Wert meiner Windkraftanlage auf dem internationalen Zweitmarkt?
Der Wert einer gebrauchten Windkraftanlage wird durch eine Kombination technischer, dokumentarischer und marktbezogener Faktoren bestimmt.
Tipp: Wie viel ist mein Windpark wert? Einen Überblick bietet die Wertermittlung für Windenergieanlagen.
Zu den wichtigsten zählen:
- Technische Eckdaten – Baujahr, Hersteller, Modell, Nennleistung und Turmbauweise bilden die Grundlage für die Preisfindung. Reine Stahltürme sind in der Regel gefragter als Hybridtürme. Bestimmte Modelle wie Vestas V80, Enercon E70 oder Vestas V90 haben eine hohe internationale Nachfrage und lassen sich daher besonders gut vermarkten.
- Zustand und Historie – Eine lückenlose Wartungshistorie, dokumentierte Reparaturen sowie vollständige Ertragsdaten und Gutachten schaffen Vertrauen bei Käufern. Je transparenter diese Informationen vorliegen, desto leichter lässt sich ein guter Preis erzielen.
- Marktnachfrage – Je nach Zielregion werden bestimmte Leistungsklassen bevorzugt. So sind beispielsweise Anlagen im Bereich 500–1.000 kW in Märkten wie Italien oder Irland gefragt, während 2.000–3.000 kW-Anlagen in Osteuropa, den Maghrebstaaten, Südamerika oder aktuell Deutschland besonders gesucht werden.
- Dokumentenverfügbarkeit – Der schnelle und digitale Zugriff auf alle relevanten Unterlagen ist einer der größten Erfolgsfaktoren. Käufer entscheiden schneller, wenn alle Daten vollständig und strukturiert vorliegen.
- Reichweite der Vermarktung – Eine maximale internationale Sichtbarkeit, etwa über spezialisierte Marktplätze, erhöht die Wahrscheinlichkeit, Käufer zu finden, die bereit sind, marktgerechte oder sogar überdurchschnittliche Preise zu zahlen.
Das Zusammenspiel dieser Faktoren entscheidet, ob der Verkauf lediglich einen Teil der Rückbaukosten deckt oder ob darüber hinaus ein wirtschaftlich attraktiver Erlös erzielt wird.
Wie finde ich den richtigen Käufer und sichere einen reibungslosen, rechtssicheren Verkaufsprozess?
Ein erfolgreicher Verkauf auf dem Zweitmarkt beginnt mit einer klaren Struktur. Zunächst sollte der Betreiber entscheiden, ob er den Verkauf selbst organisiert oder über einen erfahrenen Vermittler oder eine spezialisierte Plattform abwickelt. Spezialisierte Marktplätze bieten den Vorteil einer internationalen Käuferreichweite, für den Käufer einen besseren Überblick über das Angebot im Markt und bringen häufig auch das nötige Know-how mit, um den Prozess effizient zu gestalten.
Tipp: Wer kauft welche gebrauchten Windkraftanlagen? Einblicke in den Zweitmarkt bietet wind-turbine.com.
Wichtige Schritte für einen reibungslosen Ablauf sind:
- Marktgerechte Wertermittlung – Auf Basis technischer Daten, Zustandsberichte und aktueller Nachfrage sollte ein realistischer Angebotspreis festgelegt werden.
- Dokumente vorbereiten – Vollständige und digitale Bereitstellung von Ertragsdaten, Wartungsprotokollen, Gutachten, Genehmigungen und Reparaturberichten schafft Vertrauen und verkürzt die Verkaufszeit erheblich.
- Seriöse Käuferauswahl – Anfragen sollten sorgfältig geprüft werden, insbesondere in Bezug auf Zahlungsfähigkeit, Erfahrung und logistische Möglichkeiten. Referenzen oder Nachweise früherer Käufe sind hier hilfreich.
- Klare Vertragsgestaltung – Ein schriftlicher Kaufvertrag, der Zahlungsmodalitäten, Übergabetermine, Demontage- und Transportverantwortlichkeiten eindeutig regelt, schützt beide Seiten.
- Rückbau professionell planen – Auch wenn der Transport in der Regel Sache des Käufers ist, liegt die Verantwortung für den Rückbau meist beim Verkäufer. Hier ist es entscheidend, einen seriösen und erfahrenen Rückbauer zu beauftragen, der eng mit dem Transportunternehmen des Käufers zusammenarbeitet. Nur wenn beide Hand in Hand agieren, kann gewährleistet werden, dass die Turbine im gewünschten Zustand demontiert wird und alle Teile unbeschädigt und vollständig am Zielort ankommen.
Betreiber, die den Prozess strukturiert angehen, seriöse Partner wählen und frühzeitig alle relevanten Unterlagen bereitstellen, reduzieren Risiken und steigern die Chancen auf einen zügigen, erfolgreichen und rechtssicheren Verkauf.
Dieser Beitrag ist aus dem BWE-BetreiberBrief 3-2025. Jetzt unter betreiberbrief.de registrieren und künftig alle aktuellen Ausgaben kostenfrei per Mail erhalten!
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