Drei Jahre Trump – und dennoch legt die Windkraft in den USA weiter zu. Knapp 7.600 Megawatt (MW) Leistung wurden nach Angaben des Global Wind Energy Council (GWEC) neu installiert, nach etwa 7.000 MW im Vorjahr. Und auch China hat nach 2017 (19.500 MW) wieder leicht zugelegt auf 21.200 MW. Insgesamt ermittelte das GWEC mit 51.300 MW weltweit neu installierter Leistung einen Wert nur knapp unter dem Vorjahr. Die gute Nachricht: In vielen Märkten wie den USA und Skandinavien ist die Windkraft die billigste Stromquelle – wenn man neue Kraftwerke vergleicht.

Allerdings sind angestammte Märkte wie Deutschland, Großbritannien und Frankreich allesamt eingebrochen. Und durch den Rückgang der wichtigsten europäischen Einzelmärkte ging die in Europa neu installierte Leistung an Land nach Angaben von WindEurope von 13.900 Megawatt (MW) auf nur noch 9.000 MW zurück. Das ist ein Minus von 35 Prozent und liegt auch deutlich unter den 11.000 MW, die WindEurope Ende 2018 noch auf Basis der Investitionsentscheidungen der Vorjahre (Financial Closure) vorausgesagt hatte. Auch Offshore war der Rückgang von 3.200 MW auf 2.700 MW deutlich.

Großbritannien: Erdrutsch im neuen PPA-Kosmos

Die Gründe sind im Detail unterschiedlich: In Großbritannien hatte die regierende konservative Partei schon 2015 beschlossen, das Fördersystem der Renewable Obligation Certificates (ROC) Ende 2017 auslaufen zu lassen. Es sah immerhin noch eine feste Vergütung von rund 4 Cent je Kilowattstunde (ct/kWh) vor. „Neuinstallationen sind seitdem auf Power Purchase Agreements und die Strommärkte angewiesen“, analysiert WindEurope. Das führte zunächst zu einer Torschlusspanik und Rekordinstallation von 2.666 MW im Jahr 2017, um noch das ROC-System in Anspruch nehmen zu können. 2018 gingen dann nur noch 589 MW Windenergie im gesamten Königreich neu ans Netz.

Kaum überraschend, dass auch die Jobs in der Windkraft an Land zurückgegangen sind – laut amtlicher Statistik von 8.200 Vollzeitstellen 2016 auf 5.300 Stellen im Jahr 2017. Zahlen für 2018 liegen noch nicht vor. Der britische Erneuerbare-Energien-Verband RenewableUK kritisiert daher: Die Windkraft an Land sei zwar die billigste Erneuerbare Energie in Großbritannien, und Anfang 2019 stünden bereits 4.666 MW baufertige Windparks an Land mit einer möglichen Jahresstromerzeugung von 12 Terawattstunden in den Startlöchern. Aber durch die ausschließliche Finanzierung über Instrumente wie PPAs könne diese Pipeline nicht umgesetzt werden. Besserung sei nicht in Aussicht. „Es gibt keine Zeichen, dass die Politik sich ändert“, erklärt Rob Norris, Sprecher von RenewableUK. Entsprechend erwarte der Verband 2019 nur noch 700 MW neue Installationsleistung an Land.

Drastischer Rückgang: Onshore-Wind-Installationen in Europa

Frankreich: Problem langer Genehmigung

In Frankreich ist der Rückgang der neuen Windräder an Land im Vergleich zu Großbritannien moderat ausgefallen: Von 1.692 MW im Jahr 2017 auf 1.565 MW 2018. Als Grund für die negative Entwicklung gelten hier eher die langen Genehmigungsverfahren von bis zu acht Jahren.

Spanien: Antrieb durch EU-Ziele

In dem Maße, in dem es in den großen Märkten in Europa hakt, hoffen die Planer auf neue Länder: Spanien, Schweden und Norwegen stehen bei der Windkraft an Land im Fokus. Nachdem der Ausbau in Spanien seit 2012 praktisch völlig zum Erliegen gekommen war (bei einer kumulierten Leistung von insgesamt 22.000 MW), sollen dort bis 2020 nun durchschnittlich 1.600 MW pro Jahr ans Netz gehen – so die deutsche Außenhandelskammer AHK in Spanien. WindEurope erwartet einen ähnlichen Zuwachs. Hintergrund sind die Ausbauziele der EU, die einen Anteil von 20 Prozent an der Stromerzeugung vorsehen: 2016 und 2017 wurden entsprechend 4.600 MW ausgeschrieben, die laut AHK sämtlich bis 2020 fertiggestellt werden müssen.

Schweden: Onshore 2.240 MW erwartet

In Schweden lagen die Neuinstallationen mit 716 MW 50 Prozent über denen des Vorjahres. Und nun sollen sie nach Angaben des schwedischen Wind-Verbandes SWEA im Jahr 2019 sogar auf 2.240 MW ansteigen. Dabei waren Ende 2018 bereits 883 Windräder mit einer Kapazität von 3.400 MW im Bau. Insgesamt käme Schweden dann auf eine installierte Kapazität von knapp 10.000 MW. Darüber hinaus seien weitere 8.400 MW Onshore und 2.250 MW Offshore bereits genehmigt.

Norwegen: Boom ohne Ende?

Der massive Aufschwung in Schweden ist eng verbunden mit Norwegen. „Wir haben dasselbe Zertifikate-System wie in Schweden“, bemerkt Andreas Aasheim vom Norwegischen Windenergie-Verband (NWEA). In Norwegen ist aus Sicht vieler Experten gerade die Zukunft der Windenergie zu besichtigen: Hier werden die größten verfügbaren Anlagen eingesetzt und der Stromverkauf läuft ausschließlich über langfristige Abnahmeverträge, also PPAs. Denn anders als in Großbritannien oder Deutschland können die Planer hier „groß“ denken – und errichten. „Eine typische Anlage hierzulande hat eine Leistung von 5 MW und steht auf einem 110 bis 120 Meter hohen Turm“, erklärt Aasheim. Die Windparks, die mit solchen Anlagen entstünden, hätten meist eine installierte Leistung zwischen 75 und 100 MW – oft auch deutlich darüber.

So wird der größte entstehende Park zurzeit vom schwedischen Entwickler Eolus Vind vorangetrieben: Mit 330 MW geplant, hat das Projekt Øyfjellet Ende Dezember 2018 von der staatlichen Wasser- und Energie-Behörde (NVE) die Erlaubnis erhalten, die Leistung um rund 20 Prozent auf 400 MW zu erhöhen. Der Park liegt nahe der 10.000-Einwohner-Stadt Mosjøen in der Provinz Nordland. Nach Oslo (im Süden) sind es knapp 700 Kilometer, Richtung Tromsø (im Norden) etwa 500 Kilometer. Der Ort befindet sich am Ende eines kleinen Fjords, der von Wäldern und kargen, steinigen Hügeln umgeben ist, mithin am Ende der Welt – könnte man denken. Aber das Projekt ist in vielerlei Hinsicht typisch norwegisch: Mosjøen ist mit Flughafen und Autobahn gut angebunden. Und zum Fjord hin ist Mosjøen geprägt durch die grauen Hallen des Aluminiumwerks des Alcoa-Konzerns, in dem jährlich fast 200.000 Tonnen Alu entstehen.

Im März 2018 hat der Alcoa-Konzern ein PPA mit Eolus Vind abgeschlossen, um den gesamten Strom des Windparks Mosjøen für seine dortige Alu-Hütte zu beziehen. Bei einem 330-MW-Park rechnet Alcoa mit 1.200 GWh pro Jahr. Das ist kein Einzelfall. Im Juni 2018 ist Alcoa eine weitere Verpflichtung eingegangen: Der Konzern erwarb in einem ebenfalls auf 15 Jahre angelegten Vertrag die Stromproduktion des 200-MW-Windparks Guleslettene in Westnorwegen. Alcoa kalkuliert dort mit einer Strommenge von 710 GWh.

Deutsche Unternehmen in Skandinavien

Offizielle Daten zum Strompreis in solchen Verträgen gibt es nicht. Aber laut Andreas Aasheim sind 3 ct/kWh in Norwegen kein ungewöhnlicher Preis (zum Vergleich: in den USA gibt der U.S. Commercial Service schon 2 ct/kWh als untere Grenze an). Auch viele deutsche Unternehmen mischen in Norwegen mit, vor allem Planer und Pensionsfonds. Aber auch die Stadtwerke München etwa haben im Dezember 2018 den 112-MW-Windpark Raskiftet eingeweiht, der 350 GWh Strom pro Jahr produzieren wird. Nach eigenen Angaben haben die Stadtwerker bereits neun Windparks in Norwegen in Betrieb – und weitere in Schweden und Finnland. Und mehrere andere deutsche Unternehmen wie wpd, notus, PNE, EnBW oder BayWa sind laut Unternehmensangaben inzwischen in Norwegen und Schweden aktiv.

Im Zuge des Booms im Norden ist die neu installierte Leistung in Norwegen 2018 bereits auf 480 MW angestiegen. Und das ist erst der Anfang: Aasheim erwartet 2019 eine Neuinstallation von 1.000 MW und weitere 1.200 MW im Jahr 2020. „Wir glauben, dass wir Ende 2021 eine kumulierte Leistung von 4.000 bis 5.000 MW haben werden“, sagt Aasheim, „aber eher näher an 5.000 MW“. Grundsätzliche Grenzen für die Windenergie sieht er vorerst nicht: Wenn man die aufwändigen Genehmigungsverfahren durchlaufe, dürfe man im Prinzip jeden Windpark bauen. Norwegen sei sehr groß und sehr dünn besiedelt. Platz sei vorhanden: Vom Skagerrak, der Meerenge zwischen Dänemark und Norwegen, ist es bis zum norwegischen Nordkap genauso weit wie nach Rom. Bei nur 5,3 Millionen Einwohnern. Und anders als in Schweden gebe es in Norwegen überall noch einzelne Ortschaften und kaum völlig verlassene Landschaft, so dass das Stromnetz jeden Winkel des Landes erreiche.

WindEurope erwartet 2019 Rekordjahr

Trotz der schlechten Nachrichten aus Deutschland, Großbritannien und Frankreich erwartet WindEurope darum 2019 ein neues Rekordjahr: „Unsere Prognosen von Ende 2018 gelten weiter. Wir halten daran fest, dass der Onshore-Markt in Europa 2019 auf gut 15.000 MW steigt“, sagt Sprecher Andrew Canning. Gegenüber den 9.000 MW im Jahr 2018 wäre das ein Plus von mehr als 65 Prozent. Neben den skandinavischen Ländern erwartet Canning ein Marktwachstum in Belgien, Spanien und Ländern wie Serbien und der Türkei, in der zuletzt eine Jahresinstallation von rund 500 MW zu verzeichnen war.

Allerdings: Dass WindEurope bei der aktuellen Prognose um 2.000 MW daneben lag, macht auch den Windverband in Brüssel nachdenklich. Denn gerade in Deutschland hat sich immer mehr gezeigt, dass durch die vielen beklagten Projekte eine Investitionsentscheidung nicht mehr sicher zur Inbetriebnahme eines Windparks zwei oder drei Jahre später führen muss. WindEurope-Sprecher Canning zeigte sich daher durchaus besorgt: „Die Situation in Deutschland könnte auch auf andere Länder übergreifen.“


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