Energieertragsgutachten – was braucht die Bank?

In der Regel ist eine gute Energieertragsprognose im orographisch stark strukturierten Binnenland mit höherem Aufwand und größeren Unsicherheiten verbunden als beispielsweise im norddeutschen Flachland. Das hat nicht nur Auswirkungen auf die Projektfinanzierung, sondern auch auf die Anforderungen an die Ertragsgutachten.

Der künftige Energieertrag ist in der Cashflow-Berechnung einer Windparkprojekt­finanzierung von allen mit Unsicherheit behafteten Kennzahlen die wichtigste Variable zur Ermittlung der Kapitaldienstfähigkeit und der Höhe der möglichen Fremdfinanzie­rung des Projektes. Dies legt den Schluss nahe, dass die Bank die notwendigen Gutach­ten selbst bei Gutachtern ihrer Wahl beauftragen sollte. In der Praxis ist dies jedoch nur in Ausnahmen der Fall, weil die Energieertragsgutachten bereits lange vor einer Verein­barung zur Projektfinanzierung benötigt werden. Dennoch sollten die Anforderungen seitens der Banken von vornherein beachtet werden.

Anforderungen an den Gutachter

Die Bank wird mit einigen Gutachterbüros einen regelmäßigen Erfahrungsaustausch betreiben und so auf eine Zusammenarbeitshistorie zurückblicken können. Sie wird daher Gutachten dieser Gutachterbüros bevorzugt akzeptieren. Damit ist ausdrücklich keine Aussage über die Qualität der Gutachten verbunden. Die Akkreditierung eines Windgutachterbüros (siehe www.fgw-wind.de) gilt als weiteres Akzeptanz förderndes Kriterium, eine Nichtakkreditierung ist jedoch kein Ausschlusskriterium.

Konstruktiver Austausch

Wichtig ist die Bereitschaft des Gutachters, der Bank – selbstverständlich nach ent­sprechender Freigabe des Auftraggebers – bei Bedarf Erläuterungen zum Gutachten zu geben. Zu erwähnen sei hier, dass einige Banken im Rahmen ihres Kreditentscheidungs­prozesses grundsätzlich eine Überprüfung der vorliegenden Gutachten bei einem Gut­achterbüro ihrer Wahl beauftragen. Hierfür ist nicht nur die Freigabe des Auftraggebers, sondern auch ein Einverständnis des Erstgutachters empfehlenswert, um einen konst­ruktiven Austausch zu ermöglichen.  

Transparenz und Datenqualität

Gelegentlich wird die Bank von einem potenziellen Kunden nach dem Erfordernis einer Windmessung am Standort gefragt. Hier erfolgt regelmäßig der Verweis an den Gutachter: Der Gutachter ist der Experte und legt standortabhängig die Erfordernisse für eine qualitativ hochwertige Energieertragsprognose fest.

Allerdings wird seitens der Bank eine möglichst transparente Darstellung der Refe­renzdatenqualität bzw. Reproduktionsgüte inklusive einer ggf. notwendigen Messung am Standort, der Berechnungsmethoden und der Langzeitnormierung erwartet. Die Bank kann damit die Energieertragsprognose unabhängig von der im Gutachten angegebenen Prognoseunsicherheit bewerten. Dabei wird insbesondere bei Binnenlandstandorten erwartet, dass die Energieertragsberechnung möglichst mit zwei unabhängigen Berech­nungsmethoden (z. B. WAsP und CFD) erfolgt. Auch für die Langzeitnormierung sollten zwei unabhängige Datenquellen verwendet werden.

Prognoseunsicherheit und Fremdkapitalhöhe

Die Kapitaldienstfähigkeit (..DSCR) der Projektfinanzierung wird in den Cashflow-Berechnungen der Banken diversen Sensitivitätsszenarien unterworfen – zum Beispiel unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Eintrittswahrscheinlichkeit der Energie­erträge. Im Basisszenario wird in der Regel ein Energieertrag mit 75-prozentiger Über­schreitungswahrscheinlichkeit, der sogenannte P 75-Wert, zugrunde gelegt.

Zusätzlich besteht häufig die Anforderung, dass die Kapitaldienstfähigkeit für jedes einzelne Jahr auch im P 90-Szenario gegeben sein muss. Die folgende Tabelle zeigt die von der Bank vorzunehmenden Abschläge vom errechneten Energieertrag in Abhängig­keit von der Gesamtunsicherheit der Prognose (auch aus den Gutachten ablesbar):

                Gesamtunsicherheit             P 75-Abschlag                P 90-Abschlag  
                            12%                                    8,1%                               15,4%  
                            15%                                   10,1%                              19,2%  
                            20%                                   13,5%                              25,6%  
                            25%                                   16,8%                              32,0%  

Infokasten:

Sofern für den Kreditnehmer ein hohes Fremdkapitalvolumen wichtig ist,  sollte er die vom Windgutachter empfohlenen Untersuchungen unbedingt vorneh­men lassen, um die Gesamtunsicherheit zu reduzieren. Im strukturierten Binnen­land bedeutet das oft, dass eine Windmessung am Standort notwendig wird, denn Gesamtunsicherheiten über 20 Prozent stellen eine bankübliche Non-recourse-Projektfinanzierung des geplanten Windparks grundsätzlich infrage.

Aspekte und Empfehlungen aus der Projektfinanzierungspraxis

Der Kreditnehmer sollte sich mit seiner (potenziellen) Bank zumindest hinsichtlich ei­nes beauftragten Gutachtens über das Gutachterbüro abstimmen. Fragen bezüglich der Messerfordernisse sollten hingegen mit dem Energieertragsgutachter geklärt werden.

Ergebnisdifferenzen von bis zu 5 Prozent werden in der Finanzierungspraxis als üblich angesehen und führen nicht automatisch zum Ansatz des geringsten Gutachtenwertes, die Mittelwertbildung ist nicht grundsätzlich das geeignete Vorgehen. Um die Faktoren zu identifizieren, die zu Ergebnisdifferenzen führen, sollte die Bank direkt mit dem Gut­achter in Kontakt treten dürfen.

Eine große Gesamtunsicherheit kann zur Ablehnung einer Finanzierung führen. Die Akzeptanz eines geringen Unsicherheitswertes setzt voraus, dass für den Leser dessen Zustandekommen transparent aus dem Gutachten erkennbar ist.
Zur zeitlichen Straffung des Projekt- und Finanzierungsablaufs kann eine Finanzie­rungszusage unter die vor Auszahlung zu erfüllende Bedingung einer Bestätigung der zugrunde gelegten Energieertragsbasis, z. B. auf Grundlage einer Messung am Standort, gestellt werden.