Welche Missverständnisse erleben Sie bei dem Konzept Agri-PV?

Ernst Steiner: Zu unterscheiden ist zwischen „echten“ Agri-Photovoltaikanlagen für Flächen, die weiterhin vorwiegend landwirtschaftlich doppelt genutzt werden sollen, und PV-Freiflächenanlagen, wo die Stromproduktion im Vordergrund steht. Oft sind hier Schafe oder Hühner auf der Anlage, das macht sie aber noch nicht zu Agri-PV-Anlagen. Ausschlaggebend für die Wahl einer Agri-PV-Anlage oder einer PV-Freiflächenanlage sind Bodengüte, Geometrie und Topografie der Fläche. Bei nachhaltigen PV-Konzepten für Grün- und Ackerland sollte die echte landwirtschaftliche Nutzung vorrangig sein. Bei unseren Parks achten wir darauf, dass mehr als 95 Prozent der Grünlandfläche, zusätzlich zur Erzeugung von Strom, weiterhin agrarisch genutzt werden können.

Welche planerischen und juristischen Unterschiede gibt es bei Projekten in Österreich und Deutschland?

In Deutschland ist der Genehmigungsprozess bundesweit durch Gesetze und Normen gleich geregelt, in Österreich gilt: 9 Bundesländer, 9 verschiedene Regelwerke.

Welche technischen Systeme haben sich aus Ihrer Erfahrung in beiden Ländern als sinnvoll erwiesen?

Wir verwenden nachgeführte Tracker mit bifacialen Glas/Glas-Modulen, die im Tagesgang immer optimal zur Sonneneinstrahlung ausgerichtet sind. Die „Sonnenfänger“, wie wir sie nennen, erzielen dadurch 20 Prozent Mehrerträge gegenüber fix aufgeständerten Systemen und sorgen gleichzeitig für eine Stromerzeugung abseits der üblichen Mittagsspitzen, also auch in den Früh- und Abendstunden. Damit erreichen wir maximale Stromerträge mit systemdienlicher Einspeisung und erzielen durch die hohe Flächeneffizienz auch noch den höchsten landwirtschaftlichen Nutzen. Nicht unwesentlich sind auch die Biodiversitätsstreifen, die jeweils unter den Modultischen angelegt werden. So nutzen wir wirklich jeden Quadratmeter sinnvoll und effizient.

Wie lässt sich die Landwirtschaft unter Agri-PV gestalten?

Die klare Stärke unseres Sonnenfeld-Systems ist seine Flexibilität im Belegungsdesign. Die Bewirtschaftungsstreifen zwischen den Modultischreihen werden projektbezogen an die agrarischen Bedürfnisse angepasst. Gute Erfahrungen haben wir hier mit 11 m bis 14 m Reihenabstand gemacht. Durch die standortoptimierte Planung und Umsetzung, welche die ortsüblichen Kulturen und eingesetzten Maschinen berücksichtigt und immer auch in Absprache mit den bewirtschaftenden Landwirt*innen, funktioniert die Bewirtschaftungspraxis dann reibungslos und effizient.

Welchen Mehrwert bieten Agri-PV-Anlagen für Kommunen und Bürger*innen?

In Österreich und Deutschland haben wir bereits mehrere Projekte erfolgreich umgesetzt. Vor allem kommunale Solarstromflächen mit agrarischer Doppelnutzung sind gefragt. Für Gemeinden ergibt sich ein Mehrwert, der sowohl ökologisch, energiewirtschaftlich und auch finanziell für die Bürger*innen interessant ist. Es ist bekannt, dass die soziale Akzeptanz wesentlich zum Gelingen von erneuerbaren Energieprojekten beiträgt, und die ist bei Agri-PV-Anlagen sehr hoch.

Weil wir für ausgewählte Projekte auch die Möglichkeit zur Bürger*innenbeteiligung bieten, geben wir der Bevölkerung die Chance, nicht nur ein regionales Energiezukunftsprojekt und damit die Energiewende zu unterstützen. Investor*innen profitieren durch attraktive Verzinsung auch unmittelbar. So bleibt die Wertschöpfung vor Ort und die Wertschätzung steigt.

Wie steht es mit BESS – können Agri-PV-Anlagen problemlos mit Speicherlösungen kombiniert werden?

Aufgrund der besonders effizienten Form der Flächennutzung und der konstanten Stromproduktion übers gesamte Jahr werden Photovoltaikanlagen in Kombination mit Windenergie und Speicher immer relevanter. Winterwind und Sommersonne ergänzen sich übers Jahr, Speicher sorgen für höhere Energieausbeute und stabilere Stromversorgung.

Diese Form der Ökostromerzeugung kann zudem rasch, kostengünstig und regional umgesetzt werden. Flächen werden nicht versiegelt und können nach rückstandslosem Rückbau wieder agrarisch genutzt werden. Hybridparks aus Wind- und Agri-PV inklusive Speicherlösungen sind dabei aufgrund der unschlagbaren Flächennutzungseffizienz die Königsklasse der erneuerbaren Stromerzeugung.

Was sind die Besonderheiten und möglichen Herausforderungen bei der Implementierung von Hybridparks?

Wichtig dabei ist, dass die zeitlich versetzten Erzeugungsmuster von Wind und Sonne ausgeglichen werden. Das wird so gelöst, dass überschüssige Energie gespeichert und bei Bedarf eingespeist wird. Was sich leicht anhört, ist ein komplexes Feld, das viel Erfahrung und modernste Netztechnik erfordert. Tatsache ist aber, dass übers Jahr gesehen die Kombination aus Wind- und Solarstrom die effizienteste und günstigste Energieerzeugungsform darstellt. Die Kombination bringt Synergieeffekte mit sich, man denke nur an die Netzableitung und den Netzzugang insgesamt. Herausforderungen liegen insbesondere in der Hybridparkregelung, speziell dann, wenn bei strahlendem Sonnenschein starker Wind weht und der vorhandene Netzanschluss nicht die produzierte Energie beider Erzeugungsformen aufnehmen kann.

Dieser Beitrag erschien im BWE-BetreiberBrief PV 2-2025. Jetzt unter betreiberbrief.de registrieren und künftig alle aktuellen Ausgaben kostenfrei per Mail erhalten!


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