Direktvermarkter setzen auf den neuen Marktwertatlas

Der Marktwertatlas Wind liefert (über-)regionale Marktwertinformationen in grafischer Form. Dies ermöglicht eine erste Einschätzung zum Marktwert der Windenergie.

Software für die Verhandlung zwischen Betreiber und Vermarkter. Was kann der neue Marktwertatlas von enervis und anemos? Und was bringt er?

Die Energiewirtschaftsberater von enervis energy advisors GmbH und die meteorologisch ansetzenden Windenergieberater der anemos Gesellschaft für Umweltmeteorologie mbH haben eine ziemlich erfolgreiches Messinstrument entwickelt: einen "Marktwertatlas". Diese aktive Grafik zeigt dem Nutzer, ob ein bestimmter Windanlagentyp mit Nabenhöhe X an einem bestimmten Standort in Deutschland in den vergangenen fünf Jahren mehr oder weniger für die produzierte Megawattstunde erlöst hat, als das EEG vorgesehen hatte. Direktvermarkter und Windanlagenbetreiber gewinnen hiermit ein weiteres Kriterium, um künftige Erlöse genauer zu prognostizieren.

Wie funktioniert dieser erstmals 2014 vorgestellte Atlas, welche Vorteile bringt er, und wer profitiert von diesem Angebot?

Nicht jedes Megawatt hat den gleichen Preis

Der Förderbetrag nach dem EEG orientiert sich an den zwei zentralen Komponenten: dem im Monatsdurchschnitt an der Strombörse gezahlten Preis und an der Menge des verkauften Stroms. Damit wird aber noch nicht jede Megawattstunde gleich bezahlt. Unabhängig von der Degression, die den Erlös natürlich mit beeinflusst, gibt es regionale und anlagenspezifische Unterschiede, wie hoch eine Megawattstunde Windstrom letztlich vergütet wird.

Ein Beispiel: Die Vergütung für den Strom aus einem neuen Windpark liegt laut EEG bei 90 Euro/MWh. Der Betreiber P. erlöst über den Direktvertrieb im Monat Mai an der Strombörse einen Durchschnittspreis von 40 Euro /MWh. Die Netzbetreiber haben für diesen Monat aber einen bundesweiten Mittelwert von nur 38 Euro/MWh errechnet. Deswegen erhält P. für diesen Monat eine Fördervergütung von 52 Euro/MWh, also einen Marktwert von insgesamt 92 Euro /MWh der auch 2,2 Prozent mehr Markterlös als das EEG vorgesehen hatte.

Der Marktwertatlas kann so etwas relativ gut prognostizieren. Er macht bei Eingabe von Anlagentyp, Nabenhöhe, Standort und Zeitraum in seine Suchmaske eine scharfe Analyse, ob und wie hoch ein Windpark mit diesen Kriterien in den Jahren 2010 bis 2014 über oder auch unter dem vom EEG garantierten Vergütungsbetrag lag. Alle Windanlagentypen und jeder Fleck Deutschlands mit einer Genauigkeit von 3x3 Kilometer großen Planquadraten sind in einer Zeitauflösung von 10 Minuten erfasst. Basisdaten bezieht der Marktwertatlas unter anderem aus dem Windatlas.

Atlas hilft beim Poker um die letzten Prozente

Ein solcher Zuschlag auf den EEG-Wert ensteht de facto, wenn ein Betreiber übers Jahr gerechnet in Zeiten hoher Börsenpreise dank antizyklischer Windverhältnisse an seinem Standort oder dank einer modernen Windanlage mit besonders hohem Turm und niedriger Anlaufgeschwindigkeit vergleichsweise viel Strom erzeugt.

Die einer Landkarte ähnelnde Grafik der frei verfügbaren Demoversion zeichnet rot, wo Windanlagen bei Extremwerten ihren Marktwert um bis zu 8 Euro/MWh erhöhen konnten. Im blauen Bereich blieben andere Standorte bis zu 4 Euro/MWh unter dem theoretisch garantierten EEG-Wert. Der Marktwertatlas hilft nicht bei der Standortwahl - da bleibt der Windatlas die Fibel des Windmüllers - wohl aber bei der Entscheidung über den zu wählenden Anlagentyp und bei den letzten Prozenten im Verhandlungspoker zwischen Betreiber und Vermarkter.

Preise ab „ein paar hundert Euro“ – Absatz boomt

Preise für die Freischaltung nennen die Entwickler nur auf Anfrage potentieller Kunden. Sie beginnen bei "ein paar hundert Euro" für Betreiber einer kleinen Anlage, inklusive einem jährlichen Update mit der Integration neuester Daten. Je mehr Anlagen und Anlagentypen, umso teuer die Nutzungsgebühr. Anemos und enervis bieten auf Grundlage ihres Altas' auch kurzfristige Erlösgutachten an.

Der Atlas hat seit seiner jüngsten Markteinführung zur WindEnergy Hamburg im September 2014 einen riesigen Absatz gefunden. Schon heute werden laut enervis rund 40 Prozent aller direkt vermarkteten Kapazitäten in der deutschen Windkraft mit Hilfe des Marktwertatlas bewertet. Vor allem die Direktvermarkter, so Nicolai Herrmann von enervis in Berlin, kaufen den Atlas für ihre Kalkulationen ein. "Wir kommen aus einer Welt von Standardwerten, stehen aber vor einer feingliederigen Differenzierung", sagt Herrmann."Betreiber und Direktvermarkter können jetzt auf Augenhöhe miteinander verhandeln."

"Betreiber und Direktvermarkter können jetzt auf Augenhöhe miteinander verhandeln."

Der Marktwertaltlas gewinnt an Bedeutung mit dem Umschwung zur Direktvermarktung in Deutschland. Doch auch für Polen, das ein vergleichbares Vergütungssystem mit Marktprämienmodell hat, haben die Entwickler jüngst einen eigenen Atlas erstellt. Im polnischen Ausschreibungsmodell für Windkraftprojekte sind Erlösprognosen und eine Projektierung des Strommarkts elementar. Der Marktwertaltlas ist heute auch in Polen ein hilfreiches Bewertungsinstrument.

www.marktwertatlas.de